Wermut (Artemisia absinthium), auch bekannt als Wermutkraut, Bitterer Beifuß, Alsem oder Wurmkraut, ist eine der ältesten dokumentierten Heilpflanzen Europas. Seit mindestens 3.500 Jahren wurde sie eingesetzt — gegen Verdauungsbeschwerden, Parasiten, Fieber, Leberentzündungen und Menstruationsbeschwerden. Im englischen Sprachraum trägt die Pflanze bis heute den Namen wormwood, ein Hinweis auf ihre wichtigste historische Funktion als Wurmmittel. Ihr Verschwinden aus dem medizinischen Alltag hat keinen wissenschaftlichen Grund: Es folgte direkt auf das Absinth-Verbot von 1910 bis 1915. Als Gesetzgeber in ganz Europa das Getränk verboten, verschwand die Heilpflanze dahinter — nicht weil ihre Wirkungen widerlegt worden wären, sondern weil Panik und wirtschaftliche Interessen schneller handelten als Wissenschaft.
Der Wirkstoff, der zum Problem wurde, heißt Thujon. Er kommt im ätherischen Öl des Wermuts vor. Was damals kaum jemand nachprüfte: Analysen von originalversiegelten Absinth-Flaschen aus der Zeit vor 1915 ergaben eine mittlere Thujonkonzentration von 33,3 mg/l — exakt im Bereich des heutigen EU-Grenzwerts von 35 mg/l [1]. Die Hysterie um Thujon war, gelinde gesagt, nicht durch die Daten gedeckt.
Was blieb, war eine Pflanze, die 3.500 Jahre Medizingeschichte hinter sich hatte und in 50 Jahren aus dem Bewusstsein verschwand.
Die Geschichte
Ägypten, um 1550 v. Chr. — Die früheste schriftliche Erwähnung des Wermuts findet sich im Papyrus Ebers, einem der ältesten erhaltenen medizinischen Dokumente der Welt. Dort wird eine bittere Pflanze — als Saam bezeichnet — zur Behandlung von Darmparasiten und Fieber verordnet [2]. Die Artbestimmung ist heute nicht mit absoluter Sicherheit möglich, doch der Befund ist eindeutig: bittere Pflanze, verabreicht gegen Würmer.
Antikes Griechenland und Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. — Gaius Plinius Secundus beschrieb in seiner Historia Naturalis Wermut als wirksames Mittel gegen Wurmbefall. Die enthaltenen Terpene, erklärt die moderne Botanik, betäuben Fadenwürmer im Darm und ermöglichen ihre Ausscheidung [3]. Auch Dioskurides — der einflussreichste Pharmakologe der Antike — führte Absinthium in seiner De Materia Medica als Mittel gegen Magenbeschwerden, Gelbsucht und Entzündungen. Im alten Rom galt Wermutauszug als Ehrentrunk: Dem Sieger eines Wagenrennens überreichte man ein Glas davon [4].
Mittelalter, 12. Jahrhundert — Hildegard von Bingen, Äbtissin und wohl die einflussreichste Kräuterkundige Mitteleuropas, beschrieb Wermut — den sie wermuda nannte — als eine der wirkungsvollsten Heilpflanzen überhaupt. In ihrem Werk Physica empfahl sie ihn sowohl innerlich als auch äußerlich: als Balsam gegen Gicht und Rheuma (Wermut, Hirschfett und Hirschmark zu gleichen Teilen), als Olivenöl-Auszug gegen Husten und als Tee zur Verdauungsförderung [5]. Der bergische Volksspruch "Wermot ist för alles got" überlebte Jahrhunderte.
Frühe Neuzeit und napoleonische Ära — Monsieur Fagon, Leibarzt von Ludwig XIV., behandelte die Analgeschwüre des Königs mit einem Gemisch aus Wermut, Rosenblättern und Burgunderwein. Napoleons Armee mischte Wermutauszüge ins verschmutzte Trinkwasser bei Feldzügen nach Osteuropa — in Anlehnung an die Empfehlungen des griechischen Arztes Galenos (129–201 n. Chr.), der antiparasitäre Eigenschaften beschrieben hatte [6].
18. Jahrhundert: Vom Heilmittel zum Luxusgetränk — Um 1750 destillierte eine Heilerin im Schweizer Val-de-Travers erstmals ein medizinisches Elixier aus Wermut, Anis und Fenchel. Dieses Destillat wurde als Absinth bekannt — und durch Künstler wie van Gogh, Rimbaud und Baudelaire zur Legende [7]. Die ursprüngliche Heilfunktion geriet dabei zunehmend in Vergessenheit.
1905–1915: Das Verbot und der Kollateralschaden — Am 28. August 1905 ermordete der Schweizer Bauer Jean Lanfray seine schwangere Frau und seine zwei Töchter. Er hatte an diesem Tag zwei Gläser Absinth, eine Crème de Menthe, einen Cognac, sieben Gläser Wein und einen Kaffee mit Branntwein getrunken. Die Berichterstattung fokussierte ausschließlich auf den Absinth [8]. Der Fall wurde zum Auslöser: Belgien verbot Absinth 1906, die Schweiz 1910, die USA 1912, Frankreich 1915. In Deutschland wurde 1923 sogar die Verbreitung von Herstellungsrezepten verboten. Wermut als Heilpflanze war damit faktisch aus dem öffentlichen Bewusstsein gestrichen — nicht durch wissenschaftliche Widerlegung, sondern durch politischen Kollateralschaden.
Wofür wurde es eingesetzt?
Verdauung und Appetit — Die überlieferte Kernanwendung des Wermuts: seine Bitterstoffe, allen voran Absinthin (0,20–0,28 %), regen die Magensaft- und Gallensekretion an. Historisch eingesetzt bei Appetitlosigkeit, Blähungen, Völlegefühl, Magenkrämpfen und Übelkeit [9]. Diese Anwendung ist heute von der Europäischen Arzneimittel-Agentur (EMA) und der deutschen Kommission E anerkannt.
Parasitenbefall — Wurmtod, Würmlekraut — die deutschen Volksnamen lassen keinen Zweifel. Wermut galt in zahlreichen Kulturen als das Mittel gegen intestinale Parasiten. Plinius dokumentierte diese Anwendung, Hildegard von Bingen empfahl Wermut als Wurmkur, und in der frühen Tiermedizin wurde die Pflanze gegen Endoparasiten eingesetzt [3]. Der englische Name wormwood ist ein direkter Überrest dieser Tradition.
Leber und Galle — Volksmedizin und Klostermedizin setzten Wermut bei Leberentzündungen, Gelbsucht und Gallenblasenproblemen ein. Die Bitterstoffe stimulieren die Gallensekretion — ein Mechanismus, der pharmakologisch plausibel ist und von der ESCOP-Monographie als Anwendungsgebiet anerkannt wird [10].
Fieber und Infektionen — Napoleons Militärärzte setzten Wermut gegen Fieber und Malaria ein. Galenos hatte antiparasitäre und fieberwidrige Eigenschaften beschrieben. Diese Anwendung hat historisch tiefe Wurzeln — von ägyptischen Texten bis zur europäischen Volksmedizin [6].
Äußerliche Anwendungen — Hildegard von Bingen beschrieb Wermutsalben gegen Gicht und Rheuma. Wermutöl in Olivenöl galt als Mittel gegen Husten (äußerlich auf den Oberkörper aufgetragen). In der Klostermedizin wurde Wermutbrei auf schlecht heilende Wunden aufgelegt. Die Pflanze fand außerdem Verwendung bei Menstruationsbeschwerden und leichten Krämpfen [5].
Wie wurde es angewendet?
Wermuttee (Teeaufguss) — Die verbreitetste überlieferte Form. Blühende Zweigspitzen oder getrocknete Blätter wurden mit heißem Wasser übergossen. Die Klostermedizin empfahl, den Tee nicht zu süßen, da Süße die Wirkung der Bitterstoffe abschwäche — Pfefferminz galt als akzeptable Zugabe [9]. Für die Verdauungsanregung trank man traditionell eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten, bei Verdauungsbeschwerden direkt nach dem Essen.
Wermuttinktur (alkoholischer Auszug) — Die Wirkstoffe des Wermuts, insbesondere die Sesquiterpenlactone, sind in Alkohol besser löslich als in Wasser. In der Volksmedizin und Klostermedizin wurden Tinkturen durch mehrtägiges Mazerieren in Wein oder Branntwein hergestellt. Historische Rezepte aus dem 18. und 19. Jahrhundert beschreiben Wermutauszüge in Wein als Mittel gegen Gelbsucht und Verdauungsbeschwerden [7].
Wermutsalbe (äußerliche Anwendung) — Hildegard von Bingen überliefert ein konkretes Rezept: Wermut wurde im Mörser zerstoßen, der Saft mit Hirschfett und Hirschmark gemischt — im Verhältnis vier Teile Saft, zwei Teile Fett, ein Teil Mark — und als Salbe gegen Gichtanfälle und Rheuma verwendet [5].
Wermutöl in Olivenöl — Ebenfalls nach Hildegard: Zerquetschter Wermut im Verhältnis 2:1 mit Olivenöl gemischt, in einem Glasbehälter in der Sonne erwärmt und zur langfristigen Aufbewahrung angesetzt. Äußerlich auf den Oberkörper aufgetragen gegen Husten [5].
Frischer Wermut als Würzkraut — Nicht jede Anwendung war medizinisch formalisiert. Frischer Wermut wurde wegen seiner verdauungsfördernden Bitterstoffe traditionell zu fetten Speisen wie Gänsebraten gereicht — eine Praxis, die bis ins 20. Jahrhundert in Teilen Europas verbreitet war [12].
Überlieferte Zubereitungen zum Nachmachen
Die folgenden Zubereitungen sind historisch überliefert und werden hier als Dokumentation wiedergegeben, nicht als Anwendungsempfehlung.
Überlieferter Wermuttee nach dem Deutschen ArzneibuchDie traditionelle Zubereitung sah vor, dass etwa 1,5 g fein geschnittenes, getrocknetes Wermutkraut — das entspricht einem gehäuften Teelöffel — mit ca. 150 ml frisch kochendem Wasser übergossen und zugedeckt stehen gelassen wurde. Nach 10 bis 15 Minuten wurde der Aufguss durch ein Sieb abgegossen. Man trank die Zubereitung warm und ohne Zusatz von Zucker, da Süße die Wirkung der Bitterstoffe abschwäche. Für die Appetitanregung erfolgte die Einnahme überliefert eine halbe Stunde vor den Mahlzeiten, bei Verdauungsbeschwerden unmittelbar nach dem Essen. Die traditionelle Tagesdosis lag bei 2 bis 3 g getrockneter Droge, aufgeteilt auf drei Tassen täglich [10]. Hinweis: Wermuttee sollte nicht über längere Zeiträume und nicht in hohen Mengen eingenommen werden.
Überlieferte Wermuttinktur in Wein (Wermutauszug)Die überlieferte Zubereitung sah vor, dass 10 g getrocknetes Wermutkraut in 100 ml Weißwein oder verdünntem Branntwein für 7 bis 10 Tage bei Zimmertemperatur in einem verschlossenen Gefäß angesetzt wurden, täglich geschüttelt. Danach wurde die Flüssigkeit durch ein feines Tuch gefiltert und in dunklen Flaschen aufbewahrt. In der Volksmedizin des 18. und 19. Jahrhunderts wurden solche Auszüge bei Verdauungsbeschwerden und Gallenproblemen eingesetzt [7]. Hinweis: Alkoholische Wermutzubereitungen sind in höheren Dosen oder bei längerem Gebrauch risikobehaftet; die Einnahme Thujon-reicher Wermutöle ist von dieser Zubereitung zu unterscheiden.
Überlieferte Wermutsalbe nach Hildegard von Bingen (äußerlich)Das von Hildegard von Bingen im 12. Jahrhundert überlieferte Rezept sah vor, frischen Wermut im Mörser zu zerstoßen bis der Saft austritt. Dieser Saft wurde mit Hirschfett und Hirschmark im Verhältnis 4:2:1 vermengt und zu einer streichfähigen Salbe verarbeitet. Die Zubereitung galt als Mittel gegen Gichtanfälle und rheumatische Beschwerden — äußerlich auf die betroffenen Stellen aufgetragen [5]. Da Hirschmark und -fett heute kaum erhältlich sind, beschreiben spätere Quellen Bienenwachs und Olivenöl als Trägersubstanzen. Diese Zubereitung ist historische Dokumentation; zu modernen Trägersubstanzen und Anwendungsfragen empfiehlt sich die Konsultation eines Heilpraktikers.
Qualität und Auswahl
Wer getrocknetes Wermutkraut kauft, sollte auf einige konkrete Kriterien achten.
Pharmaqualität vs. Kräuterqualität — Wermutkraut (Absinthii herba) ist im Europäischen Arzneibuch (Ph. Eur.) monographiert, d. h. es gibt festgelegte Qualitätsstandards für Trockengehalt, Bitterwert und Mindestwirkstoffgehalt. Apothekenkräuterware muss diesen Standards entsprechen; Ware aus dem allgemeinen Kräuterhandel muss das nicht. Für therapeutische Anwendungen empfehlen Phytotherapie-Handbücher Apotheken- oder zertifizierte Naturkostqualität [10].
Erkennung guter Qualität — Hochwertiges getrocknetes Wermutkraut riecht intensiv aromatisch und schmeckt ausgeprägt bitter. Ein schwacher Geruch oder blasse Farbe deutet auf alte oder schlecht gelagerte Ware hin. Die silbergrau behaarten Blätter und gelblichen Blütenköpfchen sollten erkennbar sein.
Bio vs. konventionell — Da die Bitterstoffe des Wermuts aus dem pflanzlichen Sekundärstoffwechsel stammen und keine Rückstände angereichert werden sollen, ist zertifiziertes Bio-Wermutkraut vorzuziehen.
Verwechslungsrisiko — Wermut gehört zur großen Gattung Artemisia mit etwa 500 Arten. Verwechslungen mit dem Gemeinen Beifuß (Artemisia vulgaris) oder anderen Artemisia-Arten sind möglich. Echter Wermut (A. absinthium) ist an seinem charakteristisch intensiv aromatischen, dabei sehr bitteren Geruch zu erkennen; die Blätter sind beidseitig silbrig behaart. Wer die Pflanze nicht sicher identifizieren kann, sollte auf zertifizierte Handelsware zurückgreifen.
Lagerung — Getrocknetes Wermutkraut in dichten, lichtundurchlässigen Behältern bei Raumtemperatur lagern. Lichteinwirkung baut Wirkstoffe ab. Empfohlene Haltbarkeit: 12 Monate nach Ernte.
Überlieferte Dosierungen
Das Deutsche Arzneimittel-Codex (DAC) und die Kommission E nennen für die traditionelle Anwendung von Wermutkraut als Teeaufguss eine Tagesdosis von 2 bis 3 g getrockneter Droge, aufgeteilt auf drei Einnahmen täglich [10]. Das entspricht dreimal täglich einem gehäuften halben Teelöffel (ca. 1 bis 1,5 g) als Aufguss.
Die ESCOP-Monographie bestätigt diese Dosierung für die Indikationen Appetitlosigkeit und Verdauungsbeschwerden [9].
Ältere Quellen, darunter mittelalterliche Kräuterbücher, machen keine präzisen Mengenangaben. Hildegard von Bingen beschreibt ihre Rezepturen in Verhältnissen (z.B. 4:2:1 für Saft, Fett, Mark), nicht in Gramm-Angaben.
Alle historischen Quellen betonen übereinstimmend, dass Wermut nicht als Langzeitbehandlung über mehrere Wochen eingesetzt wurde. Die traditionelle Anwendungsdauer lag bei wenigen Tagen bis maximal zwei bis drei Wochen.
Was sagt die Wissenschaft?
Bestätigte Wirkung auf die Verdauung — Die Kommission E und die ESCOP, zwei der angesehensten phytotherapeutischen Bewertungsgremien Europas, haben Wermutkraut als traditionelles pflanzliches Arzneimittel anerkannt. Die enthaltenen Sesquiterpenlacton-Bitterstoffe — allen voran Absinthin — regen nachweislich die Magensaft- und Gallensekretion an [9].
Szopa et al., 2020 — Eine umfassende Übersichtsarbeit im Fachjournal Plants (MDPI) fasste den aktuellen Forschungsstand zusammen: Artemisia absinthium enthält Verbindungen mit entzündungshemmenden, antibakteriellen und antiviralen Eigenschaften. Die Pflanze weist einen hohen Flavonoid-Gehalt auf. Die Autoren betonen, dass der pharmakologische Wirkmechanismus der Bitterstoffe auf die Stimulation von Rezeptoren im Gastrointestinaltrakt zurückgeführt wird [11].
Zur Thujon-Debatte — Eine forensische Analyse originalversiegelter Absinth-Flaschen aus der Zeit vor 1915 ergab, dass der mittlere Thujongehalt bei 33,3 mg/l lag — innerhalb des heutigen EU-Grenzwerts von 35 mg/l [1]. Der Absinthismus, das früher beschriebene Krankheitsbild, ist nach aktuellem Forschungsstand primär auf den Alkoholgehalt und die schlechte Qualität der damaligen Destillate zurückzuführen, nicht auf Thujon selbst. Der französische Psychiater Valentin Magnan, dessen Tierexperimente von 1864 bis 1869 maßgeblich zum Verbot beitrugen, hatte Tieren konzentriertes Wermutöl verabreicht — nicht Absinth in trinkbaren Konzentrationen [8].
Zur anthelmintischen Wirkung — Die Terpene im Wermut — insbesondere im ätherischen Öl — zeigen in Laborversuchen antiparasitäre Wirkung. Sie betäuben Fadenwürmer im Darm. Kontrollierte klinische Studien am Menschen fehlen jedoch für diese Indikation nach aktuellem Stand.
Zu antibakteriellen Eigenschaften — Laborstudien zeigen, dass das ätherische Öl von Artemisia absinthium gegen die Bakterienstämme Pseudomonas und Klebsiella pneumoniae wirksam ist [16]. Diese Ergebnisse stammen aus In-vitro-Versuchen; klinische Übertragbarkeit ist nicht gesichert.
Kombinationen und Wechselwirkungen
Wermut + Tausendgüldenkraut + Enzian — Klassische phytotherapeutische Kombination für Magenbeschwerden und Verdauungsinsuffizienz. Alle drei Pflanzen enthalten Bitterstoffe, die zusammen als verstärkend beschrieben werden. Im Schweizer Zeller Balsam ist Wermut kombiniert mit Weihrauch, Myrrhe, Schafgarbe und Blutwurz [12].
Wermut + Kamille — Volksmedizinisch kombiniert bei Magenkrämpfen. Kamille gilt als krampflösend, Wermut als sekretionsfördernd — beide Wirkrichtungen ergänzen sich historisch.
Wermut + Pfefferminz — Volksmedizinische Kombination im Aufguss bei Verdauungsproblemen. Pfefferminz mildert die ausgeprägte Bitterkeit des Wermuts, ohne — nach traditioneller Einschätzung — die Wirkung zu beeinträchtigen [9].
Überlieferte Warnung: Zucker — Historische Quellen betonen ausdrücklich, dass das Süßen des Wermuttees seine Wirkung mindert. Die Bitterrezeptoren im Mund und Magen spielen offenbar eine entscheidende Rolle bei der Auslösung der Verdauungsreflexe.
Wechselwirkungen mit Medikamenten — Wermut kann die Magenentleerung beschleunigen und damit die Aufnahmegeschwindigkeit anderer Mittel beeinflussen. Wer Medikamente einnimmt, die eine präzise Dosierung erfordern, sollte vor der Einnahme von Wermutzubereitungen ärztlichen Rat einholen.
Wichtig zu wissen
Schwangerschaft und Stillzeit — Wermut wurde historisch auch als Abortivum eingesetzt ("Jungfernkraut" war bis Mitte des 20. Jahrhunderts ein gebräuchlicher Volksname). Die Anwendung in der Schwangerschaft ist daher ausdrücklich kontraindiziert. Auch für Stillende und Kinder unter 18 Jahren empfiehlt die aktuelle Fachliteratur Wermut nicht, da keine ausreichenden Sicherheitsstudien vorliegen [17].
Gallensteine — Wermut stimuliert die Gallensekretion. Bei vorhandenen Gallensteinen kann dies Koliken auslösen. Personen mit Gallensteinleiden sollten vor der Einnahme ärztlichen Rat einholen [10].
Korbblütler-Allergie — Wermut gehört zur Familie der Korbblütler (Asteraceae). Wer auf Beifuß, Kamille, Arnika oder Chrysanthemen allergisch reagiert, muss mit Kreuzreaktionen rechnen.
Thujon und Langzeitanwendung — Das ätherische Öl des Wermuts enthält Thujon, das bei hoher Dosierung oder Langzeiteinnahme neurotoxisch wirken kann. Wermuttee in normalen Mengen und kurzer Anwendungsdauer enthält nach aktuellem Wissensstand keine problematischen Thujonmengen, da Thujon in Wasser schlecht löslich ist. Konzentrierte Wermutöl-Zubereitungen oder alkoholische Hochkonzentrate sind eine andere Kategorie und können problematisch sein [13].
Verwechslungsgefahr — Wermut (Artemisia absinthium) ist nicht identisch mit Gemeinem Beifuß (Artemisia vulgaris). Beide sind verwandt, haben aber unterschiedliche Inhaltsstoffe und Anwendungsprofile. Wer unsicher ist, sollte zertifizierte Handelsware verwenden.
⚠️ Dieser Artikel dokumentiert historisches Wissen und überlieferte Anwendungen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers.
Quellen
[1] Lachenmeier, D.W. et al. (2006). Absinthe — A review. Trends in Food Science & Technology, 17(7), 374–382. Sowie: Analyse originalversiegelter Absinth-Flaschen vor 1915, Landesuntersuchungsamt Baden-Württemberg, CVUA Karlsruhe. https://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=0&Thema_ID=2&ID=975
[2] Papyrus Ebers, ca. 1550 v. Chr. (Kopie; Original aus Theben/Luxor). Transkription und Übersetzung: Joachim, H. (1890). Papyros Ebers. Berlin. Zitiert nach: Botanischer Garten der Universität Zürich, Wermut-Artikel, 2021.
[3] Plinius Secundus, Gaius: Historia Naturalis, Buch 25, Kapitel 36. Ca. 77 n. Chr. Sowie: Botanischer Garten der Universität Zürich, Blog-Beitrag: Der Wermut – die grüne Fee und vieles mehr (2021). https://www.uzh.ch/blog/bg/wermut-artemisia-absinthium-die-gruene-fee-und-vieles-mehr/
[4] Walaarzneimittel, Heilpflanzenlexikon: Wermut (Artemisia absinthium). https://www.walaarzneimittel.de/de/heilpflanzenlexikon-a-z/wermut.html
[5] Hildegard von Bingen (1098–1179): Physica (auch: Liber Subtilitatum Diversarum Naturarum Creaturarum). Zitiert nach: AbsintheMarket.com, Wermut (Artemisia absinthium), 2021. https://www.absinthemarket.com/de/wermut-artemisia-absinthium/
[6] AbsintheMarket.com, a.a.O. Zur Verwendung durch Napoleon und Galenos.
[7] Absinth — Wikipedia. https://de.wikipedia.org/wiki/Absinth
[8] Crazy Alchemist: Artemisia (Wermut): Von Absinth zur antiken Medizin (2025). https://www.crazyalchemist.com/de/natur-wissenschaft/artemisia-wermut-von-absinth-zur-antiken-medizin/ sowie Absinthmarkt-Analyse, CVUA Karlsruhe (vgl. [1]).
[9] Sidroga: Heilpflanzenlexikon Wermut. https://www.sidroga.de/kraeuterlexikon/wermut/ — ESCOP-Monographie Absinthii herba.
[10] Arzneipflanzenlexikon: Wermut (Artemisia absinthium L.). HMPC-Einstufung, Kommission E, DAC. https://arzneipflanzenlexikon.info/wermut.php
[11] Szopa, A., Pajor, J., Klin, P., Rzepiela, A., Elansary, H.O., Al-Mana, F.A. & Ekiert, H. (2020). Artemisia absinthium L.—Importance in the history of medicine, the latest advances in phytochemistry and therapeutical, cosmetological and culinary uses. Plants, 9(9), 1063. https://www.mdpi.com/2223-7747/9/9/1063
[12] Paracelsus Magazin, Ausgabe 5/2022: Unsere Heilpflanze: Wermutkraut – Artemisia absinthium. https://www.paracelsus.de/magazin/ausgabe/202205/unsere-heilpflanze-wermutkraut
[13] Höld, K.M., Sirisoma, N.S. & Casida, J.E. (2001). Detoxification of α- and β-Thujones (the active ingredients of absinthe): site specificity and species differences in cytochrome P450 oxidation in vitro and in vivo. Chemical Research in Toxicology, 14(5), 589–595. https://pubs.acs.org/doi/10.1021/tx000242c
[14] Goud, B.J. et al. (2015). A review on history, controversy, traditional use, ethnobotany, phytochemistry and pharmacology of Artemisia absinthium. International Journal of Advanced Research, Vol. 4, No. 5.
[15] Patočka, J. et al. (2003). Pharmacology and toxicology of absinthe. Journal of Applied Biomedicine.
[16] Ewalia: Wermut — Verwendung, Inhaltsstoffe, Nebenwirkungen. https://www.ewalia.com/de/ewalia-magic-tipps/wermut
[17] Arzneipflanzenlexikon, a.a.O. [10]. HMPC-Hinweis zur Anwendung bei Schwangeren, Stillenden und Kindern.
