Apfelessig ist ein durch zweistufige Fermentation aus Apfelsaft gewonnenes Hausmittel, das zu den ältesten dokumentierten Heilmitteln der Menschheit gehört. Hippokrates — der Begründer der westlichen Medizin — verschrieb ihn vor rund 2.500 Jahren als Antiseptikum bei Husten und Erkältungen und mischte ihn mit Honig zu einem Elixier namens Oxymel [1]. Römische Legionäre tranken täglich ein Essiggetränk namens Posca als Standardration auf ihren Feldzügen [2]. In der traditionellen chinesischen Medizin galt Essig als Mittel gegen innere Blutungen und Darmparasiten, und Hildegard von Bingen dokumentierte ihn im 12. Jahrhundert als besonders wirksam bei Verdauungsstörungen [3][4]. Heute kennen die meisten Menschen Apfelessig — auch bekannt als Apple Cider Vinegar (ACV), Obstessig oder Cidre-Essig — bestenfalls als Salatdressing.
Das ist bemerkenswert, denn die wissenschaftliche Evidenz wächst. Eine Meta-Analyse aus dem Jahr 2025 im Journal Frontiers in Nutrition zeigte, dass Apfelessig den Nüchternblutzucker bei Typ-2-Diabetikern signifikant senkt — um durchschnittlich 21,9 mg/dL [5]. Eine weitere Meta-Analyse im selben Jahr bestätigte positive Effekte auf Gesamtcholesterin und Langzeitblutzucker (HbA1c) [6]. Der Bruch zwischen Jahrtausenden medizinischer Nutzung und heutiger Wahrnehmung als Küchenprodukt ist einer der auffälligsten in der Geschichte vergessener Heilmittel.
Die Geschichte
Babylonien, ca. 5000 v. Chr. — Die frühesten Hinweise auf die Herstellung von Essig aus fermentierten Obstsäften stammen aus dem Zweistromland. Die Babylonier nutzten Essig zur Konservierung von Lebensmitteln und als Würzmittel — die erste dokumentierte Essigproduktion der Menschheit [2].
Griechenland, ca. 400 v. Chr. — Hippokrates (460–370 v. Chr.) setzte Essig als eines seiner wichtigsten Heilmittel ein. Er verschrieb ihn als fiebersenkendes Mittel, als Antiseptikum zur Wundreinigung und kombinierte ihn mit Honig zum sogenannten Oxymel — einem Sauerhonig, der als Stärkungsmittel bei Atemwegserkrankungen und Verdauungsproblemen galt [1]. In den hippokratischen Schriften ist Essig damit eines der ältesten schriftlich belegten Heilmittel der westlichen Medizin.
Römisches Reich, 1. Jahrhundert v. Chr. bis 5. Jahrhundert n. Chr. — Römische Soldaten — darunter die Legionen Julius Caesars — tranken Posca: ein Getränk aus Essig, Wasser und Gewürzen. Es war keine Notlösung, sondern offizielle Truppenversorgung und diente als anregendes, desinfizierendes Mittel auf langen Märschen [2]. Selbst in der Bibel wird Essig als „saurer Wein" erwähnt — bei der Kreuzigung Jesu wurde den Soldaten Posca gereicht [7].
China, ab ca. 1200 v. Chr. — Song Ci, Begründer der chinesischen forensischen Medizin, empfahl Essig mit Schwefel zur Vermeidung von Infektionen bei Autopsien — Jahrhunderte bevor westliche Mediziner das Händewaschen etablierten [2]. In der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) galt Essig als Mittel zum Stoppen innerer Blutungen, zum Lösen von Giftstoffen und zur Behandlung von Darmparasiten [2]. Während der Ming-Dynastie behandelte man Fisch, Fleisch und Gemüse routinemäßig mit Essig, um Infektionen vorzubeugen.
Persien, 10.–11. Jahrhundert — Avicenna (Ibn Sina), der Begründer der Unani-Medizin, verschrieb Essig in seiner fünfteiligen medizinischen Enzyklopädie Al-Qanun fi't-Tibb als Schleimlöser, Digestif, Gerinnungsmittel und Balsam gegen Hautentzündungen und Brandwunden [2]. Sein Werk wurde im 17. Jahrhundert ins Lateinische übersetzt und galt im europäischen Mittelalter als medizinisches Standardwerk.
Mittelalter, Europa — Die Klosterfrau Hildegard von Bingen (1098–1179) beschrieb Essig in ihren Schriften als besonders wirksam bei Verdauungsstörungen [4]. Während der Pestepidemien rieben Ärzte ihre Körper mit Essig ein und trugen essiggetränkte Riechbällchen als Schutz vor Ansteckung [3]. Der legendäre „Vier-Diebe-Essig" — ein Sud aus Essig, Knoblauch, Rosmarin, Lavendel und Thymian — soll im 18. Jahrhundert vier Plünderern das Überleben während der Pest ermöglicht haben [2].
Amerika, 18.–20. Jahrhundert — Um 1700 eroberte Apfelessig Nordamerika. Das Getränk Switchel (Essig mit Wasser, Honig und Ingwer) wurde zur Standarderfrischung für Feldarbeiter [2]. Der Vermonter Arzt Dr. D.C. Jarvis machte Apfelessig ab 1958 mit seinem Buch Folk Medicine populär und empfahl ihn als Universalmittel bei Verdauungsproblemen und zur Abtötung schädlicher Organismen [8]. In Schweizer Sanatorien erhielten Patienten Apfelessig mit Honig als Aufbaumittel [2].
Der Bruch — Mit der Industrialisierung der Lebensmittelproduktion und dem Aufkommen synthetischer Pharmazeutika im 20. Jahrhundert verlor Apfelessig seinen Status als Heilmittel. Billige Industrieessige aus Saftkonzentraten verdrängten den naturtrüben, fermentierten Obstessig. Erst die Wellness-Bewegung der 2010er-Jahre brachte ihn zurück ins Bewusstsein — allerdings häufig begleitet von übertriebenen Heilversprechen statt seriöser Dokumentation.
Wofür wurde es eingesetzt?
Verdauungsbeschwerden — Die am breitesten überlieferte Anwendung. Von Hippokrates über Hildegard von Bingen bis zu Dr. Jarvis galt Apfelessig als Mittel gegen Blähungen, Völlegefühl, Verstopfung und Durchfall [1][4][8]. Die Essigsäure sollte die Magensäureproduktion anregen und die Darmflora unterstützen. In der TCM wurde Essig dem Holzelement zugeordnet und in nahezu keiner Mahlzeit ausgelassen [2].
Fieber und Infektionen — Hippokrates setzte Essig als fiebersenkendes Mittel ein, und während der Pestepidemien war Essig das wichtigste Desinfektionsmittel in Europa [1][3]. Pestärzte trugen essiggetränkte Masken und desinfizierten ihre Hände damit. Bis ins 20. Jahrhundert wurde verdünnter Essig (Acetum Aromaticum) in Apotheken zum Gurgeln verkauft [3].
Blutzuckerregulation — Diese Anwendung ist historisch weniger dokumentiert, hat aber die stärkste moderne Evidenz. Die überlieferte Praxis, Essig vor oder zu kohlenhydratreichen Mahlzeiten zu trinken, wird durch aktuelle Meta-Analysen gestützt [5][6]. Die Wirkung wird auf eine Verzögerung der Magenentleerung und eine Hemmung der Stärkehydrolyse durch Essigsäure zurückgeführt.
Haut- und Wundpflege — Avicenna verschrieb Essig als Balsam gegen Hautentzündungen und Brandwunden [2]. In der europäischen Volksmedizin wurde unverdünnter Apfelessig auf Insektenstiche getupft und als Umschlag bei Sonnenbrand eingesetzt (ein Drittel Essig, zwei Drittel Wasser) [9]. Kleopatra soll Essig bereits zur Schönheitspflege genutzt haben [3].
Atemwegserkrankungen — Hippokrates' Oxymel — die Mischung aus Essig und Honig — galt als Standardmittel bei Husten, Halsschmerzen und verschleimten Atemwegen [1]. Avicenna beschrieb Essig als schleimlösendes Mittel [2]. In der amerikanischen Volksmedizin des 18. Jahrhunderts galt Apfelessig als das beste Mittel gegen Lungenentzündung [2].
Stärkung und Ausdauer — Römische Legionäre tranken Posca als tägliches Aufputschmittel auf ihren Märschen [2]. Amerikanische Feldarbeiter des 18. und 19. Jahrhunderts griffen zu Switchel als Energie- und Erfrischungsgetränk [2]. Die Idee: Die Mineralien und Säuren des Essigs sollten den Körper bei körperlicher Anstrengung unterstützen.
Wie wurde es angewendet?
Essigwasser (innerlich) — Die verbreitetste Zubereitung: 1-2 Teelöffel (5-10 ml) naturtrüber Apfelessig in einem Glas Wasser (ca. 250 ml), getrunken vor oder zu den Mahlzeiten. Die Volksmedizin unterschied klar zwischen naturtrübem, unpasteurisiertem Essig mit sichtbarer Essigmutter und industriell gefiltertem Essig — nur ersterer galt als medizinisch wertvoll [8][9].
Oxymel / Sauerhonig — Die älteste überlieferte Zubereitungsform. Hippokrates mischte Essig mit Honig im Verhältnis von etwa 1:2 bis 1:4 [1]. In der modernen Naturheilkunde wird Oxymel häufig zusätzlich mit Heilkräutern angesetzt. Die überlieferte Einnahme sah einen Teelöffel in warmem Wasser auf nüchternen Magen vor.
Switchel (amerikanisch) — Apfelessig mit Wasser, Honig oder Ahornsirup und Ingwer — manchmal ergänzt um Zitronensaft oder Haferflocken [2]. Dieses Getränk war im 18. und 19. Jahrhundert in Nordamerika weit verbreitet und diente als Erfrischung für Landarbeiter.
Vier-Diebe-Essig (europäisch) — Ein desinfizierender Sud aus Essig, Knoblauch, Rosmarin, Lavendel, Minze und Thymian, der während der Pestepidemien als Schutz vor Ansteckung galt [2]. Der Essig wurde sowohl getrunken als auch zum Einreiben des Körpers verwendet.
Essigwickel (äußerlich) — In der europäischen Volksmedizin wurden fiebersenkende Wadenwickel und Brustwickel bei Erkältungen mit einem Schuss Apfelessig versetzt [9]. Die überlieferte Mischung: 1 Esslöffel Essig auf 1 Liter Wasser.
Haarspülung — Traditionell wurden 3 Esslöffel Apfelessig auf einen halben Liter Wasser gegeben, nach dem Waschen auf die Haare aufgetragen, kurz einwirken gelassen und mit klarem Wasser ausgespült [9].
Überlieferte Zubereitungen zum Nachmachen
Die folgenden Zubereitungen sind historisch überliefert und werden hier als Dokumentation wiedergegeben, nicht als Anwendungsempfehlung.
Überliefertes Oxymel (Sauerhonig)Die älteste dokumentierte Zubereitung geht auf Hippokrates zurück [1]. Man gab 200 ml naturtrüben Apfelessig in ein sauberes Glas und mischte ihn mit 400 ml flüssigem Honig (Verhältnis 1:2). Optional wurden 2-3 Zweige frischer Thymian, ein Zweig Rosmarin oder einige Scheiben frischer Ingwer hinzugefügt. Das Glas wurde verschlossen und an einem kühlen, dunklen Ort 2-4 Wochen ziehen gelassen, dabei gelegentlich geschüttelt. Danach wurden die Kräuter abgeseiht. Die traditionelle Einnahme sah einen Teelöffel des fertigen Oxymels in einem Glas warmem Wasser vor, morgens auf nüchternen Magen. Im verschlossenen Glas war Oxymel mehrere Monate haltbar. In der antiken Medizin galt es als Stärkungsmittel bei Atemwegserkrankungen und allgemeiner Schwäche [1].
Überlieferter Switchel (amerikanisches Essiggetränk)Dieses Erfrischungsgetränk war im 18. und 19. Jahrhundert die Standardversorgung für Feldarbeiter in Nordamerika [2]. Man mischte 2 Esslöffel (30 ml) naturtrüben Apfelessig mit 1-2 Esslöffeln Honig (oder Ahornsirup) und einem daumengroßen Stück frisch geriebenem Ingwer in etwa 500 ml kühlem Wasser. Optional wurde der Saft einer halben Zitrone hinzugefügt. Die Zutaten wurden verrührt und kalt oder bei Raumtemperatur getrunken. Switchel galt als besonders belebend bei körperlicher Arbeit in der Hitze.
Überlieferter Vier-Diebe-EssigDieser legendäre Kräuteressig stammt aus der Zeit der Pestepidemien im 18. Jahrhundert [2]. Man gab je eine Handvoll getrockneten Salbei, Rosmarin, Lavendel und Thymian sowie 4-5 geschälte, zerdrückte Knoblauchzehen in ein großes Glas. Das Ganze wurde mit etwa 750 ml Apfelessig übergossen, verschlossen und an einem warmen Ort 2-4 Wochen ziehen gelassen. Danach wurde der Essig durch ein Tuch abgeseiht und in saubere Flaschen gefüllt. Der Vier-Diebe-Essig wurde sowohl verdünnt getrunken als auch unverdünnt zum Einreiben der Haut und zur Desinfektion von Oberflächen verwendet. Die Haltbarkeit im verschlossenen Gefäß lag bei mehreren Monaten.
Überlieferte Apfelessig-HaarspülungIn der europäischen Volksmedizin galt Apfelessig als Mittel für glänzendes, weiches Haar [9]. Man gab 3 Esslöffel (ca. 45 ml) naturtrüben Apfelessig auf einen halben Liter lauwarmes Wasser und vermischte beides. Nach dem normalen Haarewaschen wurde die Mischung über die Haare gegossen, kurz einmassiert, 1-2 Minuten einwirken gelassen und danach mit klarem Wasser ausgespült. Die Essigsäure sollte Kalkrückstände aus dem Wasser lösen und die Schuppenschicht der Haare glätten.
Überlieferter Apfelessig selbst ansetzenDie traditionelle Methode der Essigherstellung war einfach und benötigte nur Äpfel und Wasser [9]. Man sammelte Apfelschalen und Kerngehäuse von etwa 5-6 unbehandelten Äpfeln (ohne Schadstellen) und gab sie in ein großes Glas. Das Ganze wurde mit Wasser bedeckt, sodass alle Apfelstücke untergetaucht waren. Das Glas wurde mit einem Mulltuch oder Küchenpapier abgedeckt und mit einem Gummiband befestigt — kein fester Deckel, da Luft zirkulieren musste. Das Glas stand bei Raumtemperatur, und der Inhalt wurde täglich einmal umgerührt. Nach 5-7 Tagen, wenn die Flüssigkeit zu gären begann und leicht trüb wurde, wurde sie durch ein Sieb abgeseiht und in ein sauberes Glas umgefüllt. Erneut mit einem Tuch abdecken und weitere 4-6 Wochen reifen lassen. Je länger die Reifezeit, desto intensiver der Essig. Die dabei entstehende Essigmutter — eine gelartige Schicht auf der Oberfläche — konnte für den nächsten Ansatz wiederverwendet werden.
Qualität und Auswahl
Apfelessig ist nicht gleich Apfelessig — und die Qualitätsunterschiede sind erheblich.
Naturtrüb vs. gefiltert — Die überlieferte Heilkunde verwendete ausschließlich naturtrüben, unpasteurisierten Apfelessig mit sichtbarer Essigmutter [8][9]. Die Essigmutter ist eine Ansammlung lebender Essigsäurebakterien und Enzyme, die bei der Filtration und Pasteurisierung entfernt werden. Gefilterter, klarer Essig enthält zwar noch Essigsäure, aber keine lebenden Kulturen mehr. Für alle überlieferten Heilanwendungen galt naturtrüber Essig als die einzig relevante Form.
Ganze Äpfel vs. Saftkonzentrat — Hochwertiger Apfelessig wird aus ganzen, zerdrückten Äpfeln hergestellt und durchläuft eine vollständige zweistufige Fermentation (Apfelsaft → Apfelwein → Apfelessig). Billige Industrieprodukte bestehen oft aus Saftkonzentrat, dem Essigsäure zugesetzt wird — das ist chemisch Essig, aber kein fermentiertes Produkt im traditionellen Sinne [9]. Auf dem Etikett erkennst du den Unterschied: „Apfelessig aus Apfelsaftkonzentrat" ist nicht gleichwertig mit „Apfelessig aus ganzen Äpfeln" oder „aus Direktsaft".
Bio-Qualität — Apfelessig aus biologischem Anbau stellt sicher, dass keine Pestizidrückstände der verwendeten Äpfel in den Essig gelangen. Für medizinische Anwendungen empfahlen die überlieferten Quellen stets die reinste verfügbare Qualität [8].
Säuregehalt — Handelsüblicher Apfelessig hat einen Säuregehalt von etwa 5 %. Dieser Wert ist auf dem Etikett angegeben. Essig mit deutlich höherem Säuregehalt (z.B. Essigessenz mit 25 %) ist für die innerliche Anwendung nicht geeignet und muss stark verdünnt werden.
Worauf auf dem Etikett achten — Die Begriffe „naturtrüb", „unpasteurisiert", „mit Essigmutter", „aus ganzen Äpfeln" oder „Direktsaft" sind die relevanten Qualitätsindikatoren. Fehlen diese Angaben, handelt es sich wahrscheinlich um ein Industrieprodukt. Sorten wie Boskop, Cox Orange, Elstar oder Gravensteiner gelten als besonders geeignet [9].
Lagerung — Apfelessig sollte bei Raumtemperatur, dunkel und verschlossen gelagert werden. Im Kühlschrank ist er nicht notwendig. Die Essigmutter kann im Laufe der Zeit weiterwachsen — das ist ein Zeichen für ein lebendiges Produkt, nicht für Verderb. Korrekt gelagert ist Apfelessig nahezu unbegrenzt haltbar, da die Essigsäure selbst konservierend wirkt.
Überlieferte Dosierungen
Zur täglichen Einnahme — Die am häufigsten überlieferte Dosis liegt bei 1-2 Teelöffeln (5-10 ml) Apfelessig in einem Glas Wasser, ein- bis dreimal täglich vor den Mahlzeiten [8][9]. Dr. Jarvis empfahl in seinem Buch zwei Teelöffel Apfelessig mit einem Glas Wasser vor jeder Mahlzeit [8].
Bei akuten Verdauungsbeschwerden — Die überlieferte Praxis sah die Einnahme von 1-2 Teelöffeln unverdünnten Essigs in einem Glas Wasser unmittelbar bei Auftreten der Beschwerden vor.
Für Oxymel — Traditionell ein Teelöffel der Essig-Honig-Mischung in einem Glas warmem Wasser, morgens auf nüchternen Magen [1].
In der Forschung — Die Studien zur Blutzuckerwirkung verwendeten typischerweise 15-20 ml (etwa 1-1,5 Esslöffel) Apfelessig täglich über einen Zeitraum von mindestens 8 Wochen [5]. Die Meta-Analyse von Arjmandfard et al. (2025) fand signifikante Effekte ab einer Dosierung von mehr als 15 g pro Tag [5].
Zur äußerlichen Anwendung — Für Wickel: 1 Esslöffel auf 1 Liter Wasser. Für Haarspülungen: 3 Esslöffel auf 500 ml Wasser. Für Insektenstiche: unverdünnt auftragen [9]. Grundsätzlich galt die Regel: Innerlich immer verdünnt, äußerlich je nach Anwendung auch pur.
Was sagt die Wissenschaft?
Blutzucker und Diabetes — Die Forschungslage ist hier am stärksten. Arjmandfard et al. publizierten 2025 in Frontiers in Nutrition eine systematische Review und Dosis-Wirkungs-Meta-Analyse aus sieben kontrollierten Studien mit 463 Teilnehmern. Ergebnis: Apfelessig senkte den Nüchternblutzucker signifikant um durchschnittlich 21,9 mg/dL und den Langzeitblutzucker (HbA1c) um 1,53 Prozentpunkte bei Typ-2-Diabetikern [5]. Die signifikanten Effekte traten ab Dosierungen über 15 g/Tag und Anwendungsdauern ab 8 Wochen auf. Eine weitere Meta-Analyse von Dadkhah Tehrani et al. (2025, Current Medicinal Chemistry) bestätigte positive Effekte auf Nüchternblutzucker, HbA1c und Gesamtcholesterin [6].
Vermuteter Wirkmechanismus — Essigsäure verzögert die Magenentleerung, hemmt die enzymatische Aufspaltung von Stärke und verbessert die Insulinempfindlichkeit der Zellen [5]. Eine ältere systematische Review von Shishehbor et al. (2017, Diabetes Research and Clinical Practice) kam ebenfalls zu dem Ergebnis, dass Essig postprandiale Glukose- und Insulinspitzen abschwächen kann [10].
Körpergewicht — Eine Meta-Analyse von 2025, publiziert in Nutrients, untersuchte zehn randomisierte kontrollierte Studien mit 789 Teilnehmern und fand moderate Effekte von Apfelessig auf Körpergewicht und BMI bei Übergewichtigen und Diabetikern [11]. Die Effekte waren statistisch signifikant, aber die Autoren betonten die begrenzte Studienqualität.
Antimikrobielle Wirkung — Die keimtötende Wirkung von Essigsäure ist grundsätzlich belegt und wird in der Lebensmittelindustrie seit langem genutzt. Für die spezifische Wirksamkeit von Apfelessig gegen bestimmte Krankheitserreger beim Menschen liegen jedoch keine ausreichenden klinischen Studien vor.
Wichtige Einordnung — Die meisten Studien haben kleine Stichproben, kurze Laufzeiten und stammen überwiegend aus dem Iran und Nordafrika. Die Evidenz ist vielversprechend, aber nicht auf dem Niveau großer pharmazeutischer Studien. Die überlieferte breite Anwendung bei Erkältungen, Hautproblemen und Atemwegserkrankungen ist wissenschaftlich kaum untersucht.
Kombinationen und Wechselwirkungen
Apfelessig + Honig (Oxymel) — Die älteste und am breitesten dokumentierte Kombination. Hippokrates verschrieb Oxymel als Standardmittel bei Atemwegserkrankungen und allgemeiner Schwäche [1]. Die Kombination vereint die antimikrobiellen Eigenschaften des Essigs mit den entzündungshemmenden Eigenschaften des Honigs. In der modernen Naturheilkunde erlebt Oxymel eine Renaissance.
Apfelessig + Ingwer — Die Basis des amerikanischen Switchel. Die Kombination galt als besonders belebend und verdauungsfördernd [2]. Ingwer wurde als wärmende Ergänzung zur kühlenden Säure des Essigs verstanden.
Apfelessig + Knoblauch, Rosmarin, Lavendel, Thymian — Der Vier-Diebe-Essig, historisch als Schutz vor Pestansteckung eingesetzt [2]. Die Kräuter sollten die desinfizierende Wirkung des Essigs verstärken.
Apfelessig + Natron — In manchen volksheilkundlichen Quellen wird die Kombination von Apfelessig und Natron als Verdauungshilfe erwähnt. Chemisch neutralisieren sich die beiden Substanzen gegenseitig (Säure + Base), weshalb der Nutzen dieser Kombination fraglich ist.→ Mehr dazu im Artikel: Natron
Vorsicht bei schwach-basischen Medikamenten — Da Apfelessig den pH-Wert im Magen beeinflusst, kann er theoretisch die Aufnahme bestimmter Medikamente verändern. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte die Einnahme zeitlich trennen.
Wichtig zu wissen
Zahnschmelz — Die Essigsäure im Apfelessig kann bei regelmäßigem Kontakt den Zahnschmelz angreifen. Die überlieferte Praxis, Essig immer stark verdünnt zu trinken und danach den Mund mit Wasser auszuspülen, adressiert genau dieses Risiko. Unverdünnten Apfelessig direkt zu trinken ist nicht überliefert und potenziell schädlich für Zähne und Speiseröhre.
Magenschleimhaut — Bei empfindlichem Magen oder bestehender Gastritis kann Essigsäure die Schleimhaut zusätzlich reizen. Die Anwendung bei akutem Sodbrennen ist kontraproduktiv — anders als bei Natron, das Säure neutralisiert, fügt Essig weitere Säure hinzu.
Kaliumspiegel — Bei dauerhaft hohen Dosierungen kann Apfelessig den Kaliumspiegel im Blut senken (Hypokaliämie). Für Menschen die Entwässerungsmedikamente (Diuretika) einnehmen, ist das besonders relevant.
Wechselwirkungen mit Diabetes-Medikamenten — Da Apfelessig den Blutzucker nachweislich senken kann [5], besteht bei gleichzeitiger Einnahme von Insulin oder oralen Antidiabetika die Gefahr einer Unterzuckerung. Eine Abstimmung mit dem behandelnden Arzt ist in diesem Fall wichtig.
Schwangere und Kinder — Es liegen keine ausreichenden Studien zur Sicherheit von Apfelessig als Heilmittel bei Schwangeren oder Kindern vor. Die Verwendung als Lebensmittel (z.B. im Salatdressing) gilt als unbedenklich.
⚠️ Dieser Artikel dokumentiert historisches Wissen und überlieferte Anwendungen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers.
Quellen
[1] Hippokrates. Überlieferte Schriften zur Anwendung von Essig und Oxymel, ca. 400 v. Chr. Referenziert u.a. bei Bartmaes, FOH; AlmSinn; Onmeda.[2] Geschichte des Essigs — Zusammenfassung historischer Quellen. Bartmaes/FOH: „Die Geschichte des Apfelessigs"; alles-essig.de: „Geschichte des Essig".[3] Essig als Heilmittel und Desinfektionsmittel in der europäischen Geschichte. AlmSinn: „Essig — Genuss- und Heilmittel seit Jahrtausenden"; VOM FASS: „Essig — traditionelle Anwendung".[4] Hildegard von Bingen (1098–1179). Schriften zur Anwendung von Essig bei Verdauungsstörungen. Referenziert bei AlmSinn und Dr. Selz GmbH.[5] Arjmandfard D, Behzadi M, Sohrabi Z, Mohammadi Sartang M. Effects of apple cider vinegar on glycemic control and insulin sensitivity in patients with type 2 diabetes: A GRADE-assessed systematic review and dose–response meta-analysis. Frontiers in Nutrition, 2025; 12: 1528383.[6] Dadkhah Tehrani S, Keshani M, Rouhani MH, et al. The Effects of Apple Cider Vinegar on Cardiometabolic Risk Factors: A Systematic Review and Meta-analysis of Clinical Trials. Current Medicinal Chemistry, 2025; 32(11): 2257-2274.[7] Essig in der Bibel — Posca bei der Kreuzigung Jesu. Referenziert bei alles-essig.de.[8] Jarvis DC. Folk Medicine: A Vermont Doctor's Guide to Good Health. Henry Holt & Company, 1958.[9] Zusammenfassung überlieferter Anwendungen. Onmeda: „Apfelessig: Wirkung & Anwendung"; Integrative Ernährung; Niem-Handel; die-naturheilpraxis.ch.[10] Shishehbor F, Mansoori A, Shirani F. Vinegar consumption can attenuate postprandial glucose and insulin responses: a systematic review and meta-analysis. Diabetes Research and Clinical Practice, 2017; 127: 1-9.[11] Effect of Apple Cider Vinegar Intake on Body Composition in Humans with Type 2 Diabetes and/or Overweight: A Systematic Review and Meta-Analysis of Randomized Controlled Trials. Nutrients, 2025; 17(18): 3000.
