Heilerde ist ein aus eiszeitlichen Lössablagerungen gewonnenes Naturprodukt, das innerlich und äußerlich als Heilmittel eingesetzt wird — und das seit mindestens 3.000 Jahren. Die alten Ägypter nutzten Nilschlamm zur Behandlung von Entzündungen, der griechische Arzt Dioskurides beschrieb im 1. Jahrhundert Tonerde als Antidot „von hervorragender Kraft" gegen tödliche Gifte [1], und auf der Insel Lemnos gruben Priester einmal im Jahr unter Ritualen eine rötliche Erde aus, formten sie zu Tabletten und stempelten sie mit dem Bild einer Ziege — die Terra sigillata, eines der ersten Markenarzneimittel der Geschichte [1]. Heute ist Heilerde in Deutschland als freiverkäufliches Arzneimittel zugelassen und wird vor allem bei Magen-Darm-Beschwerden, Sodbrennen und Hautproblemen eingesetzt [2]. Die Bezeichnungen variieren: Tonerde, Mineralerde, Lösserde, Bolus alba, Bolus Armenicus, Kaolin, Grünlehm oder international Medicinal Clay und Edible Clay meinen im Kern dasselbe Prinzip — fein gemahlene Erde mit hoher Bindungsfähigkeit.
Das Phänomen, Erde gezielt zu essen, ist keine Randerscheinung. Bis zu 80 % der Bevölkerung in Teilen Afrikas praktizieren Geophagie — den regelmäßigen Verzehr tonhaltiger Erden — als Selbstmedikation und Nahrungsergänzung [3]. Primaten, Elefanten und Papageien fressen gezielt bestimmte Erden, um Giftstoffe aus ihrer Nahrung zu neutralisieren [3]. Die westliche Medizin hat für dieses Verhalten nur den pathologischen Begriff „Pica-Syndrom" — und übersieht dabei, dass Galenos bereits im 2. Jahrhundert die Geophagie bei Tieren als Heilinstinkt dokumentierte [3]. Der Naturheilkundler Adolf Just gab der aufbereiteten Lösserde Anfang des 20. Jahrhunderts den Namen „Heilerde" und gründete 1918 die Firma Luvos, die das Produkt bis heute herstellt [4].
Die Geschichte
Ägypten, ab ca. 1500 v. Chr. — Die alten Ägypter nutzten Nilschlamm für medizinische und kosmetische Anwendungen. Die genauen Einsatzgebiete sind nicht detailliert überliefert, aber die Verwendung von Tonerde bei Entzündungen und Magenbeschwerden ist in mehreren historischen Quellen dokumentiert [4][5].
Griechenland, Insel Lemnos, ab ca. 500 v. Chr. — Die Terra lemnia war der Archetypus aller Heilerden. Priester gruben sie einmal jährlich unter Beachtung strenger Rituale am Berg Moschylos aus, wuschen sie mit Wasser, formten sie zu runden Stücken und stempelten sie mit dem Abbild einer Ziege — einem Opfertier der Göttin Artemis [1]. Die rötlich-braune Farbe durch Eisenspuren deutete man im Sinne der Signaturenlehre als Hinweis, dass die Erde „rote Erkrankungen" heilen könne. Die Terra sigillata (Siegelerde) war damit eines der ersten Arzneimittel mit Herkunftssiegel und Qualitätsgarantie — eine Art antikes Markenprodukt [1].
Griechenland und Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. — Pedanios Dioskurides beschrieb in seiner fünfbändigen Arzneimittellehre De Materia Medica verschiedene Heilerden für innerliche und äußerliche Anwendungen. Die lemnische Erde charakterisierte er als ein mit Wein einzunehmendes Antidot gegen tödliche Gifte und als Mittel gegen Durchfallerkrankungen [1]. Galenos (2. Jahrhundert) war der Erste, der die Geophagie bei Tieren als natürlichen Heilinstinkt dokumentierte [3].
Persien, 10.–11. Jahrhundert — Avicenna erwähnte in seinem Canon medicinae die Terra ex armena (armenische Erde) und empfahl ihre Einnahme zusammen mit Wein und Rosenwasser „in febre pestilentiae" — gegen die Pest und andere tödliche Krankheiten [1]. Der aus Armenien importierte Bolus Armenicus, ein rötliches Tonmineral, diente ab dem 16. Jahrhundert in europäischen Apotheken als Ersatz für die begehrte, aber zunehmend gefälschte Terra lemnia [1].
Europa, 16. Jahrhundert — Der Arzt und Paracelsus-Anhänger Johannes Scultetus Trimontanus entdeckte im schlesischen Striegau eine bräunlich-gelbe Tonerde, die er Axungia solis nannte — in der Überzeugung, ihre Farbe stamme von Ausschwitzungen einer stillgelegten Goldmine [1]. Der Arzt Valerius Cordus nahm Bolus Armenicus in das erste amtliche Arzneibuch nördlich der Alpen auf — das 1546 für Nürnberg verbindliche Dispensatorium pharmacorum omnium [1].
Deutschland, 19.–20. Jahrhundert — Universitätsprofessor Julius Stumpf setzte Bolus alba (weiße Tonerde) erfolgreich bei der Behandlung von Durchfällen, Ruhr und Cholera ein [4]. Inspiriert von Stumpfs Arbeit suchte der Naturheilkundler Adolf Just (1859–1936) nach einer Erde, die sich sowohl innerlich als auch äußerlich einsetzen ließ. Er fand sie im Löss — einer in der Eiszeit durch Gletschererosion entstandenen, besonders mineralstoffreichen Erdart [4]. Just mahlte den Löss bei 130 °C thermisch-mechanisch zu einem extrem feinen Pulver, nannte es „Heilerde" und gründete 1918 die Heilerde-Gesellschaft Luvos [4]. Naturheilkundler wie Sebastian Kneipp und Emanuel Felke unterstützten die Popularisierung. Für Just war Heilerde „das beste Heilmittel der Natur" [5].
Der Bruch — Mit der Entwicklung synthetischer Antazida, Antibiotika und moderner Dermatologie verlor Heilerde im Laufe des 20. Jahrhunderts ihren Status als Standardarzneimittel. Bolus alba sterilisata war noch Anfang des 20. Jahrhunderts in pharmazeutischen Nachschlagewerken als Mittel gegen „Magen-Darm-Erkrankungen infolge bakterieller Zersetzungsvorgänge" gelistet [1] — danach verschwand sie aus der Schulmedizin. In der Naturheilkunde behielt sie ihren festen Platz.
Wofür wurde es eingesetzt?
Vergiftungen und Durchfallerkrankungen — Die älteste und am besten dokumentierte Anwendung. Von der Terra lemnia über den Bolus Armenicus bis zum modernen Luvos-Produkt galt Heilerde als Mittel zur Bindung von Giftstoffen im Magen-Darm-Trakt [1][4]. Dioskurides beschrieb sie als Antidot gegen tödliche Gifte, Stumpf setzte sie bei Cholera und Ruhr ein [1][4]. Der Wirkmechanismus ist plausibel: Die extrem große Oberfläche der fein gemahlenen Partikel (Durchmesser ca. 0,001 mm) bindet Schadstoffe, Bakterien und überschüssige Säuren wie ein Schwamm [5].
Sodbrennen und Übersäuerung — Heilerde neutralisiert überschüssige Magensäure durch ihre mineralische Zusammensetzung und ihr natürliches Bindungsvermögen. Bereits die Ägypter setzten Tonerde bei Magenbeschwerden ein [4]. Heute ist Heilerde in Deutschland als Arzneimittel zur Behandlung von Sodbrennen und säurebedingten Magenbeschwerden zugelassen [2].
Hautprobleme und Akne — Äußerlich aufgetragen bindet Heilerde überschüssigen Talg, zieht Unreinheiten aus den Poren und versorgt die Haut mit Mineralstoffen. Die enthaltene Kieselsäure galt als förderlich für die hauteigene Kollagenproduktion [5]. Gesichtsmasken aus Tonerde gehören zu den ältesten kosmetischen Anwendungen — Kleopatra soll bereits Nilschlamm für ihre Hautpflege genutzt haben.
Gelenkschmerzen und Muskelerkrankungen — In der europäischen Volksmedizin wurden Heilerdewickel und -auflagen bei Arthrose, Prellungen, Muskelschmerzen und Entzündungen eingesetzt. Die kühlende Wirkung der feuchten Erde und ihre Fähigkeit, Wärme zu entziehen, galten als schmerzlindernd [5].
Cholesterin und Entgiftung — Neuere Untersuchungen zeigten, dass Heilerde Cholesterin und Fette direkt aus der Nahrung binden und ausscheiden kann, bevor sie ins Blut gelangen [5]. In der Naturheilkunde wird Heilerde daher auch bei Entgiftungskuren und Fastenprogrammen eingesetzt.
Reizdarm — Eine Studie unter der Leitung von Marjan Mokhtare, 2018 publiziert in Biomedical Research and Therapy, deutete darauf hin, dass Heilerde bei Reizdarm-Syndrom zur Linderung von Beschwerden beitragen kann [5]. Die Studienlage ist allerdings noch begrenzt.
Wie wurde es angewendet?
Innerlich als Trinkkur — Die verbreitetste innerliche Anwendung. Feinstgemahlene Heilerde (zur innerlichen Anwendung zugelassen) wurde in Wasser, Mineralwasser oder Tee eingerührt und in kleinen Schlucken getrunken. Die Anwendung erfolgte typischerweise auf nüchternen Magen, um eine optimale Bindungswirkung zu erzielen [4][5].
Äußerlich als Gesichtsmaske — Heilerde-Pulver wurde mit Wasser oder Kräutertee zu einer streichfähigen Paste angerührt (etwa ein Teil Erde auf zwei Teile Flüssigkeit) und gleichmäßig auf die Haut aufgetragen. Nach 15-20 Minuten, sobald die Maske getrocknet war, wurde sie mit lauwarmem Wasser abgewaschen [5]. Diese Anwendung galt vor allem bei fettiger, unreiner Haut als wirksam.
Äußerlich als Wickel und Auflage — Für Gelenk- und Muskelbeschwerden wurde ein streichfähiger Brei aus Heilerde und kaltem Wasser etwa 2 cm dick auf die betroffene Stelle aufgetragen, mit einem feuchten Tuch bedeckt und darüber ein trockenes Baumwolltuch gelegt [5]. Der Wickel blieb auf der Haut, solange er feucht war — er durfte nicht vollständig austrocknen. Bei der Entfernung wurde die Erde mit Wasser abgespült.
Als Badezusatz — In der Naturheilkunde wurde Heilerde dem Badewasser zugesetzt, um die Haut mit Mineralstoffen zu versorgen und Hautprobleme zu lindern [5].
Als Haarwaschmittel — Besonders die marokkanische Lavaerde (Ghassoul oder Rhassoul) aus dem Atlasgebirge galt als natürliche Alternative zu Shampoo. Sie wurde mit Wasser zu einer Paste verrührt und als Reinigungsmittel für Haare und Kopfhaut verwendet [5].
Überlieferte Zubereitungen zum Nachmachen
Die folgenden Zubereitungen sind historisch überliefert und werden hier als Dokumentation wiedergegeben, nicht als Anwendungsempfehlung.
Überlieferte Heilerde-Trinkkur (innerlich)Die traditionelle Zubereitung sah vor, ein bis zwei gestrichene Teelöffel (ca. 3-6 g) feinstgemahlene Heilerde (ausdrücklich zur innerlichen Anwendung gekennzeichnet) in einem halben Glas stillem Wasser oder Kräutertee einzurühren [4][5]. Die Mischung wurde langsam in kleinen Schlucken getrunken, idealerweise morgens auf nüchternen Magen oder abends vor dem Schlafengehen. Bei einer Trinkkur zur Entgiftung wurde die Anwendung über einen Zeitraum von zwei bis vier Wochen durchgeführt, zwei- bis dreimal täglich [5]. Wichtig: Es wurde empfohlen, zusätzlich ausreichend Wasser zu trinken, da Heilerde dem Darm Flüssigkeit entziehen und bei unzureichender Hydration Verstopfung verursachen konnte. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten galt ein Abstand von mindestens einer Stunde, da Heilerde auch Arzneimittelwirkstoffe binden kann [2].
Überlieferte Gesichtsmaske bei unreiner HautMan verrührte 2-3 Esslöffel Heilerde-Pulver mit der doppelten Menge lauwarmem Wasser oder Kamillentee zu einer gleichmäßigen, streichfähigen Paste. Diese wurde fingerdick auf das gereinigte Gesicht aufgetragen, wobei die Augenpartie und die Lippen ausgespart wurden [5]. Die Maske trocknete in etwa 15-20 Minuten, wobei ein leichtes Spannen auf der Haut normal war. Bevor die Maske vollständig durchgetrocknet und rissig wurde, wusch man sie mit lauwarmem Wasser ab. Anschließend wurde die Haut mit einem Pflanzenöl oder einer Feuchtigkeitscreme nachbehandelt. Die Anwendung erfolgte traditionell ein- bis zweimal pro Woche.
Überlieferter Heilerdewickel bei GelenkbeschwerdenFür einen Wickel rührte man Heilerde mit kaltem Wasser zu einem streichfähigen Brei an — die Konsistenz sollte etwa wie dicker Joghurt sein. Der Brei wurde etwa 2 cm dick auf die schmerzende Stelle aufgetragen [5]. Darüber legte man ein feuchtes Baumwolltuch, darüber ein trockenes Tuch zur Fixierung. Der Wickel blieb auf der Haut, solange die Erde feucht war — typischerweise 30-60 Minuten. Er wurde abgenommen, bevor die Erde vollständig austrocknete, und mit lauwarmem Wasser abgespült. Bei akuten Entzündungen wurde kaltes Wasser verwendet (kühlend), bei chronischen Beschwerden wurde die Erde manchmal leicht angewärmt.
Qualität und Auswahl
Die Qualitätsunterschiede bei Heilerde sind erheblich — und für die Anwendung relevant.
Innerlich vs. äußerlich — Die wichtigste Unterscheidung. Nicht jede Heilerde ist für die innerliche Anwendung zugelassen. Produkte zur innerlichen Anwendung sind als Arzneimittel oder Medizinprodukt registriert, werden besonders fein gemahlen, bei ca. 130 °C thermisch behandelt, um Keime abzutöten, und auf Schadstoffe kontrolliert [4]. Produkte nur zur äußerlichen Anwendung — wie weißes Kaolin oder Grünlehm — dürfen nicht eingenommen werden [5]. Das Etikett gibt klar Auskunft über die zugelassene Anwendungsart.
Mahlgrad — Je feiner die Heilerde gemahlen ist, desto größer ist ihre Gesamtoberfläche und damit ihre Bindungsfähigkeit. Für die innerliche Anwendung (Magen-Darm) wird ultrafein gemahlene Heilerde verwendet, für äußerliche Anwendungen (Masken, Wickel) reicht ein gröberer Mahlgrad [4][5].
Farbvarianten und ihre Bedeutung — Heilerde gibt es in verschiedenen Farben: Braune und rötliche Heilerde ist eisenreich und die häufigste Variante für innerliche und äußerliche Anwendung. Grüne Mineralerde (z.B. französischer Grünlehm) ist besonders naturbelassen und wird nur an der Sonne getrocknet — sie eignet sich vor allem für äußerliche Anwendungen. Weiße Tonerde (Kaolin) ist die reinste Form und wird ausschließlich äußerlich verwendet. Marokkanische Lavaerde (Ghassoul/Rhassoul) stammt aus dem Atlasgebirge und ist besonders für Haar- und Hautpflege geeignet [5].
Worauf auf dem Etikett achten — Entscheidend sind die Angaben: „zur innerlichen Anwendung" oder „zur äußerlichen Anwendung", der Hinweis auf Arzneimittelzulassung oder Medizinproduktstatus, und die Abwesenheit von Zusatzstoffen (reine Heilerde enthält keine chemischen Zusätze) [2][4]. Die Lebensmittelkennzeichnung E 559 (Kaolin) bezieht sich auf weißen Ton als Lebensmittelzusatz — das ist nicht dasselbe wie therapeutische Heilerde.
Lagerung — Heilerde-Pulver sollte trocken, kühl und verschlossen gelagert werden. Es ist nahezu unbegrenzt haltbar, da es ein reines Mineral ohne organische Bestandteile ist, die verderben könnten.
Überlieferte Dosierungen
Innerlich bei Magenbeschwerden und Sodbrennen — Die traditionelle Dosierung lag bei ein bis zwei gestrichenen Teelöffeln (ca. 3-6 g) in einem halben Glas Wasser, zwei- bis dreimal täglich, möglichst auf nüchternen Magen [4][5]. Bei akutem Durchfall konnte die Dosis auf mehrere Teelöffel innerhalb weniger Stunden gesteigert werden.
Für eine Entgiftungskur — Die überlieferte Praxis sah eine Einnahme über zwei bis vier Wochen vor, zwei- bis dreimal täglich in der Standarddosierung [5]. Es wurde empfohlen, mit einer kleinen Menge (ein Teelöffel pro Tag) zu beginnen und langsam zu steigern.
Äußerlich als Gesichtsmaske — Ein- bis zweimal pro Woche, jeweils 15-20 Minuten Einwirkzeit [5].
Äußerlich als Wickel — Bei Bedarf, typischerweise einmal täglich bei akuten Beschwerden, 30-60 Minuten Einwirkzeit. Über mehrere Tage anwendbar.
Kapseln — Für die Einnahme unterwegs waren Heilerde-Kapseln verbreitet, typischerweise ein bis zwei Kapseln pro Einnahme, je nach Herstellerangabe.
Was sagt die Wissenschaft?
Die wissenschaftliche Erforschung von Heilerde ist begrenzt, aber nicht ohne Ergebnisse.
Wirkmechanismus — Der grundsätzliche Mechanismus ist nachvollziehbar und physikalisch plausibel: Fein gemahlene Tonminerale haben eine extrem große Oberfläche (das Stichwort ist „Sorptionseigenschaft"), an der sie Giftstoffe, Bakterien, Gallensäuren, Cholesterin und überschüssige Magensäure physikalisch binden können [4][5]. Dieser Adsorptionsmechanismus ist derselbe, der bei medizinischer Aktivkohle genutzt wird — mit dem Unterschied, dass Heilerde zusätzlich Mineralstoffe und Spurenelemente enthält.
Reizdarm — Mokhtare et al. publizierten 2018 in Biomedical Research and Therapy eine Studie, die darauf hindeutete, dass Heilerde bei Reizdarm-Syndrom (IBS) zur Linderung von Beschwerden beitragen kann [5]. Die Studienlage ist allerdings dünn, und die Studie hatte eine begrenzte Teilnehmerzahl.
Sodbrennen und Antazid-Wirkung — Der antacide Effekt von Heilerde ist pharmakologisch nachvollziehbar: Die enthaltenen Mineralien (insbesondere Kalkspat und Tonminerale) neutralisieren Magensäure ähnlich wie synthetische Antazida [2]. Im Deutschen Ärzteblatt wurde darauf hingewiesen, dass Löss-Heilerde durch ihren hohen Anteil an fein verteiltem Calciumcarbonat (ca. 20 %) als Antazidum wirkt, während die Tektosilkate und Tonminerale mit ihrer großen inneren Oberfläche Verdauungsgase und Kohlensäure adsorbieren können [1].→ Mehr dazu im Artikel: Natron
Cholesterinbindung — Neuere Untersuchungen zeigten, dass Heilerde Cholesterin und Fette direkt aus der Nahrung im Darm binden und zur Ausscheidung bringen kann [5]. Kontrollierte klinische Studien mit ausreichender Teilnehmerzahl liegen hierzu nach aktuellem Stand jedoch nicht vor.
Wichtige Einordnung — Heilerde ist in Deutschland als Arzneimittel bzw. Medizinprodukt zugelassen, was einen gewissen Qualitätsstandard garantiert [2]. Die wissenschaftliche Evidenzbasis ist allerdings schmal im Vergleich zu modernen Pharmazeutika. Die meisten Anwendungen basieren auf Erfahrungsmedizin und historischen Quellen, nicht auf großen randomisierten kontrollierten Studien. Der Wirkmechanismus (physikalische Adsorption) ist plausibel und teilweise belegt — was fehlt, sind große klinische Studien, die Wirksamkeit und Sicherheit systematisch untersuchen.
Kombinationen und Wechselwirkungen
Heilerde + Flohsamenschalen — In der modernen Naturheilkunde eine häufig empfohlene Kombination bei Verdauungsproblemen und Reizdarm. Flohsamenschalen liefern Ballaststoffe und Quellmittel, Heilerde bindet Schadstoffe und Säuren. Die Kombination galt als besonders wirksam bei Verstopfung und zur Darmreinigung [5].
Heilerde + Kamillentee — Für Gesichtsmasken wurde Heilerde häufig mit Kamillentee statt Wasser angerührt. Die entzündungshemmenden Eigenschaften der Kamille sollten die hautberuhigende Wirkung der Tonerde verstärken.
Heilerde + Apfelessig — Manche volksmedizinischen Quellen empfehlen die Kombination von Heilerde-Trinkkur und Apfelessig-Wasser zu unterschiedlichen Tageszeiten (Heilerde morgens nüchtern, Apfelessig vor den Mahlzeiten). Die Idee: Heilerde bindet Schadstoffe und Säuren, Apfelessig regt die Verdauung an.→ Mehr dazu im Artikel: Apfelessig
Heilerde + Wein (antik) — Dioskurides empfahl die Einnahme von Terra lemnia zusammen mit Wein als Gegenmittel bei Vergiftungen [1]. Avicenna verschrieb armenische Erde mit Wein und Rosenwasser gegen pestilenzartige Fieber [1]. Der Wein diente vermutlich als Lösungsmittel und Geschmacksträger.
Kritische Kombination: Heilerde + Medikamente — Heilerde kann die Wirkstoffe von Medikamenten im Magen-Darm-Trakt binden und deren Aufnahme verringern. Bei gleichzeitiger Einnahme von Medikamenten sollte ein zeitlicher Abstand von mindestens einer Stunde eingehalten werden [2]. Dies betrifft insbesondere Schilddrüsenmedikamente, Antibiotika und die Antibabypille.
Wichtig zu wissen
Medikamentenwechselwirkung — Das wichtigste Risiko. Heilerde bindet nicht nur Schadstoffe, sondern auch Arzneimittelwirkstoffe im Magen-Darm-Trakt. Die Wirksamkeit gleichzeitig eingenommener Medikamente kann dadurch erheblich beeinträchtigt werden [2]. Ein zeitlicher Abstand von mindestens einer Stunde — besser zwei — ist bei gleichzeitiger Medikamenteneinnahme traditionell empfohlen.
Verstopfung — Heilerde entzieht dem Darm Flüssigkeit. Bei unzureichender Hydration kann die innerliche Einnahme zu Verstopfung führen. Ausreichendes Trinken (mindestens 1,5-2 Liter täglich) galt als Voraussetzung für eine innerliche Heilerdekur [5].
Nieren — Die erhöhte Siliziumzufuhr durch die enthaltenen Silikate kann bei langfristiger Einnahme zu verstärkter Harnsteinbildung führen. Bei Nierenproblemen raten sowohl historische als auch moderne Quellen von der innerlichen Einnahme ab [2].
Staubinhalation — Das feine Heilerde-Pulver ist lungengängig. Beim Umgang mit dem trockenen Pulver sollte eine Inhalation des Staubes vermieden werden [2].
Verwechslungsgefahr — Nicht jede „Erde" ist Heilerde. Gartenerde, Lehm aus der Natur oder industrielle Tonprodukte sind nicht für den medizinischen Gebrauch geeignet und können Schwermetalle, Pestizide oder Mikroorganismen enthalten. Nur als Arzneimittel oder Medizinprodukt zugelassene Heilerden durchlaufen die notwendigen Reinigung und Schadstoffkontrollen [4].
Schwangere und Kinder — Für Schwangere und Kinder liegen keine ausreichenden Studien zur innerlichen Anwendung vor. Die äußerliche Anwendung als Maske oder Wickel gilt als unbedenklich.
⚠️ Dieser Artikel dokumentiert historisches Wissen und überlieferte Anwendungen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers.
Quellen
[1] Helmstädter A. Medizingeschichte: Terra sigillata — zur Geschichte antiker Heilerden. Deutsches Ärzteblatt. Referenzen zu Dioskurides, De Materia Medica, 1. Jahrhundert; Avicenna, Canon medicinae, 10.-11. Jahrhundert; Valerius Cordus, Dispensatorium pharmacorum, 1546; Johannes Scultetus Trimontanus, 16. Jahrhundert.[2] Heilerde. In: Wikipedia (deutsch). Abschnitte Zulassung, Wechselwirkungen, Nebenwirkungen.[3] Erdeessen / Geophagie. In: Wikipedia (deutsch). Referenzen zu Galenos, 2. Jahrhundert; Geophagie bei Tieren und in Afrika; Plinius der Ältere.[4] Geschichte der Heilerde und Adolf Just. Referenziert bei freeyourfamily.net: „Erde essen? Gute Idee!"; gesund-heilfasten.de: „Heilerde — Wirkung, Anwendung und Nutzen"; gesundheitstrends.de.[5] Zusammenfassung überlieferter Anwendungen und moderner Informationen. fitreisen.de: „Heilerde: Geschichte, Nutzen & Wirkung"; houlihealth.de; volksversand.de; perfectdoc.at. Mokhtare M, et al. Studie zu Heilerde bei Reizdarm, Biomedical Research and Therapy, 2018.
