Natron — Warum eines der vielseitigsten Heilmittel der Geschichte zum Backpulver wurde

Griechische Ärzte verschrieben es gegen Magenleiden, viktorianische Hausfrauen schworen darauf bei Erkältungen, und heute nehmen Leistungssportler es vor Wettkämpfen, um Muskelmüdigkeit hinauszuzögern. Natron war über Jahrtausende eines der meistgenutzten Heilmittel der Welt — bis es im 20. Jahrhundert zum Backpulver degradiert wurde. In der Krebsforschung sorgt es gerade für neue Aufmerksamkeit.

Wird traditionell eingesetzt bei:

Sodbrennen, Magenbrennen, Übersäuerung, Verdauungsprobleme, Hautprobleme, Insektenstiche, Entzündungen, Halsschmerzen, Mundgeruch, Zahnpflege, Muskelkater, Sportleistung, Muskelermüdung, Harnwegsinfekt, Erkältung

Natron — chemisch Natriumhydrogencarbonat (NaHCO₃) — ist eine der ältesten und vielseitigsten Substanzen in der Geschichte der Heilkunde. Griechische Ärzte verschrieben es vor über 2.000 Jahren gegen Magenleiden, ägyptische Priester nutzten es bei der Mumifizierung, viktorianische Hausfrauen setzten es bei Erkältungen ein, und heute nehmen Leistungssportler es vor Wettkämpfen, um Muskelermüdung hinauszuzögern [1][2]. Das weiße Pulver, das du wahrscheinlich als Backnatron, Speisesoda, Kaiser Natron oder Bullrich-Salz kennst, war über Jahrtausende eines der meistgenutzten Hausmittel der Welt. Im 20. Jahrhundert verschwand es fast vollständig aus der Hausapotheke — nicht weil es widerlegt wurde, sondern weil Protonenpumpenhemmer, Industriezahnpasta und synthetische Antazida seinen Platz übernahmen.

Der Kontrast ist bemerkenswert: Natriumbicarbonat steht auf der Liste der unentbehrlichen Arzneimittel der Weltgesundheitsorganisation [3]. Es kostet wenige Cent pro Anwendung. Und trotzdem wissen die meisten Menschen nicht, dass es jemals mehr war als ein Backtriebmittel. In der Krebsforschung sorgt es seit einigen Jahren für Aufmerksamkeit, weil es den pH-Wert von Tumoren beeinflussen und die Wirksamkeit von Immuntherapien verstärken kann [4]. In der Sportwissenschaft gilt es als eines der am besten erforschten legalen Ergänzungsmittel [5]. Die Geschichte von Natron ist die Geschichte einer Substanz, die man nicht vergessen hätte dürfen.

Die Geschichte

Ägypten, ab ca. 3000 v. Chr. — Die alten Ägypter gewannen natürliches Natron — eine Mischung aus Natriumhydrogencarbonat und Natriumcarbonat — aus den Salzseen des Wadi an-Natrun nordöstlich von Alexandria. Sie bezeichneten es als nṯr.j, was so viel bedeutet wie „zum Begräbnis gehörig" [6]. Die Priester verwendeten es zur Mumifizierung: Das Pulver entzog dem Körper Feuchtigkeit, stoppte die Verwesung und konservierte das Gewebe über Jahrtausende. Darüber hinaus nutzten Ägypter Natron zur Zahnreinigung und zur Behandlung von Hautverletzungen [3].

Griechenland und Rom, 1. Jahrhundert n. Chr. — Der griechische Arzt Pedanius Dioskurides empfahl in seinem pharmakologischen Standardwerk De Materia Medica das Mineral nitron (νίτρον) und den leicht zerreiblichen Natronschaum (spuma nitri) als Heilmittel, die „mit außerordentlicher Wirkung das Leibschneiden besänftigen" [7]. Jahrhundertelang blieb die genaue chemische Zuordnung von „Nitron" unklar, da fehlende chemische Kenntnisse und wechselnde Bezeichnungen die Identifikation erschwerten [7].

Europa, 19. Jahrhundert — 1827 brachte der Berliner Apotheker August Wilhelm Bullrich erstmals reines Natriumhydrogencarbonat als Magenmittel auf den Markt — das „Bullrich-Salz", das heute zu den ältesten Markenartikeln Deutschlands zählt [7]. Professoren wie Felix Niemeyer empfahlen doppeltkohlensaures Natron bei akutem und chronischem Magenkatarrh als bevorzugtes Arzneimittel [7]. Im frühen 20. Jahrhundert war Natron ein fester Bestandteil jeder Hausapotheke: Es galt als Mittel gegen Sodbrennen, Erkältungen und Grippeerkrankungen.

20. Jahrhundert — der Bruch — Mit der Entwicklung moderner Protonenpumpenhemmer wie Omeprazol in den 1980er-Jahren und dem Aufkommen spezialisierter Antazida wurde Natron als Magenmittel zunehmend als „veraltet" eingestuft [7]. Die Pharmaindustrie bot patentierbare Alternativen an. Natron — nicht patentierbar, kaum profitabel — wurde zum Backpulver degradiert. Gleichzeitig ersetzte industrielle Zahnpasta das Natronpulver, das Generationen zum Zähneputzen verwendet hatten.

Sportwissenschaft, ab 1931 — Bereits 1931 berichteten Dennig, Talbott, Edwards und Dill im Journal of Clinical Investigation, dass die Einnahme von Natriumbicarbonat die Leistungsfähigkeit bei körperlicher Belastung verbesserte [2]. In den 1980er-Jahren bestätigten unabhängige Forschungsgruppen aus über zehn Ländern die leistungssteigernde Wirkung bei hochintensivem Radfahren, Laufen und Schwimmen [5]. Seitdem ist Natron eines der am intensivsten erforschten Ergänzungsmittel in der Sportmedizin.

Wofür wurde es eingesetzt?

Sodbrennen und Magenbeschwerden — Die bekannteste überlieferte Anwendung. Natriumhydrogencarbonat neutralisiert überschüssige Magensäure durch eine einfache chemische Reaktion: Es bindet Wasserstoffionen und bildet dabei Wasser und Kohlenstoffdioxid. Dioskurides beschrieb diese Wirkung bereits im 1. Jahrhundert [7]. Bullrich-Salz und Kaiser Natron basieren bis heute auf genau diesem Prinzip [7].

Erkältungen und Grippeerkrankungen — Im frühen 20. Jahrhundert galt Natron in der Volksheilkunde als Mittel gegen Infekte. Der US-Senator Lee Overman erklärte 1919 im Kongress, dass Natron die Spanische Grippe heilen könne — eine medizinisch nicht belegte Behauptung, die aber die damalige Popularität des Mittels illustriert [3]. Die überlieferte Logik: Natron hebe den pH-Wert des Körpers an und schaffe so ein basisches Milieu, in dem Krankheitserreger sich weniger gut vermehren.

Mund- und Zahnpflege — Ägypter reinigten ihre Zähne mit Natron, und die abrasive sowie pH-neutralisierende Wirkung von Baking Soda wird bis heute in zahlreichen US-amerikanischen Zahnpasten genutzt [6]. In der professionellen Zahnreinigung (Prophylaxe) kommt Natriumhydrogencarbonat als Strahlmittel zum Einsatz [6].

Hautbeschwerden und Insektenstiche — Traditionell wurde eine Paste aus Natron und Wasser auf Insektenstiche, Hautreizungen und leichte Verbrennungen aufgetragen. Die überlieferte Erklärung: Die basische Wirkung neutralisiere die sauren Bestandteile des Giftes und lindere den Juckreiz [3].

Sportliche Leistungssteigerung — Die Einnahme von Natron vor hochintensiven Belastungen galt seit den 1930er-Jahren unter Sportlern als leistungsfördernd. Die International Society of Sports Nutrition bestätigte 2021, dass Natriumbicarbonat die Leistung bei Ausdauerbelastungen von 45 Sekunden bis 8 Minuten, bei muskulärer Ausdauer und bei hochintensivem intermittierendem Laufen verbessert [5]. Der Mechanismus: Natron puffert die bei intensiver Belastung anfallende Milchsäure im Blut und verzögert so die Ermüdung der Muskulatur.

Harnwegsinfektionen — In der Erfahrungsmedizin galt Natriumbicarbonat als Schutzmittel bei Harnwegsinfekten, da es den Säuregehalt des Urins senken und so die Vermehrung bestimmter Bakterien erschweren könne [3].

Wie wurde es angewendet?

Natronwasser (innerlich) — Die verbreitetste überlieferte Zubereitung war denkbar einfach: Ein halber bis ein Teelöffel reines Natriumhydrogencarbonat (Speisenatron) wurde in einem Glas Wasser (ca. 200 ml) aufgelöst und getrunken. Diese Zubereitung wurde bei Sodbrennen, Völlegefühl und Übelkeit eingesetzt. Wichtig: Es handelte sich stets um reines Natriumhydrogencarbonat ohne Zusätze — nicht um handelsübliches Backpulver, das Säuerungsmittel und Trennmittel enthält [6].

Natronpaste (äußerlich) — Für Hautanwendungen wurde Natron mit wenigen Tropfen Wasser zu einer dickflüssigen Paste verrührt und direkt auf die betroffene Stelle aufgetragen — bei Insektenstichen, Juckreiz oder leichten Hautreizungen. Die Paste wurde nach 15-20 Minuten mit lauwarmem Wasser abgewaschen.

Natronbad — In der europäischen Volksmedizin wurden Basenbäder mit Natron bei Hautproblemen und allgemeiner Erschöpfung eingesetzt. Die überlieferte Zubereitung sah vor, 100-200 Gramm Natriumhydrogencarbonat in ein Vollbad (ca. 37 °C) zu geben und 20-30 Minuten darin zu baden.

Zahnpflege — Traditionell wurde eine kleine Menge Natronpulver direkt auf die feuchte Zahnbürste gestreut und zum Zähneputzen verwendet. In manchen Überlieferungen wurde es mit feinem Salz gemischt. Die Anwendung galt als aufhellend und desodorierend [6].

Sport-Supplementation — In der modernen Sportpraxis wird Natriumbicarbonat typischerweise 60-90 Minuten vor der Belastung in einer Dosierung von 0,3 g pro Kilogramm Körpergewicht eingenommen, aufgelöst in Wasser oder in Gelatinekapseln [5]. Diese Methode hat sich seit den 1980er-Jahren in der Sportwissenschaft etabliert.

Überlieferte Zubereitungen zum Nachmachen

Die folgenden Zubereitungen sind historisch überliefert und werden hier als Dokumentation wiedergegeben, nicht als Anwendungsempfehlung.

Überliefertes Natronwasser bei MagenbeschwerdenDie traditionelle Zubereitung sah vor, einen halben bis einen gestrichenen Teelöffel (ca. 2-5 g) reines Natriumhydrogencarbonat in Lebensmittelqualität in ein Glas lauwarmes Wasser (ca. 200 ml) zu geben und umzurühren, bis sich das Pulver vollständig aufgelöst hatte. Das Getränk wurde bei akutem Sodbrennen oder Völlegefühl in kleinen Schlucken getrunken [7]. Wichtig: Es wurde ausschließlich reines Natriumhydrogencarbonat ohne Zusätze verwendet — kein handelsübliches Backpulver, das Säuerungsmittel und Trennmittel enthält. Die Anwendung galt als Akutmaßnahme, nicht als Dauerlösung, da überlieferte Quellen bereits vor einem sogenannten Säure-Rebound warnten — einer verstärkten Säureproduktion als Reaktion auf die schnelle Neutralisierung [7].

Überliefertes Natron-BasenbadIn der europäischen Volksmedizin gab man 100-200 Gramm reines Natriumhydrogencarbonat in ein Vollbad mit einer Wassertemperatur von etwa 37 °C. Das Pulver wurde eingerührt, bis es sich aufgelöst hatte. Die überlieferte Badedauer lag bei 20-30 Minuten. Dieses Basenbad galt als Mittel bei Hautproblemen, Muskelkater und allgemeiner Erschöpfung. Manche Überlieferungen empfahlen, nach dem Bad nicht abzuduschen, sondern die Haut an der Luft trocknen zu lassen, um die basische Wirkung zu verlängern.

Überlieferte Natronpaste bei InsektenstichenMan verrührte einen Teelöffel Natriumhydrogencarbonat mit wenigen Tropfen Wasser zu einer dickflüssigen Paste. Diese wurde direkt auf den Insektenstich aufgetragen und nach etwa 15-20 Minuten mit lauwarmem Wasser abgewaschen. Die basische Paste sollte die sauren Bestandteile des Insektengiftes neutralisieren und den Juckreiz lindern [3].

Überlieferte Natron-ZahnreinigungTraditionell wurde eine Messerspitze Natriumhydrogencarbonat auf eine angefeuchtete Zahnbürste gegeben und zum Zähneputzen verwendet. In manchen Überlieferungen mischte man das Natron mit einer Prise feinem Meersalz. Die Anwendung galt als aufhellend und desodorierend, wurde aber typischerweise nur 1-2 Mal pro Woche durchgeführt, da die abrasive Wirkung bei täglichem Gebrauch den Zahnschmelz angreifen konnte [6].

Qualität und Auswahl

Natron ist nicht gleich Natron — und die Unterschiede sind relevant.

Reines Natriumhydrogencarbonat vs. Backpulver — Die häufigste Verwechslung. Handelsübliches Backpulver enthält neben Natriumhydrogencarbonat auch Säuerungsmittel (z.B. Dinatriumdihydrogendiphosphat) und Trennmittel (z.B. Maisstärke). Für alle überlieferten Anwendungen wurde ausschließlich reines Natriumhydrogencarbonat ohne Zusätze verwendet [6].

Qualitätsstufen — Natriumhydrogencarbonat wird in vier Qualitätsstufen angeboten: technische Qualität (nur für industrielle Zwecke), Lebensmittelqualität (für Kochen und die meisten Haushaltsanwendungen, erkennbar an der Kennzeichnung E 500ii), Pharmaqualität (höchste Reinheit, für kosmetische und medizinische Anwendungen) und Analysenqualität (für Laborzwecke) [6]. Für innerliche Anwendungen sollte mindestens Lebensmittelqualität vorliegen.

Verwechslungsgefahr mit Waschsoda — Natriumhydrogencarbonat (NaHCO₃) darf nicht mit Natriumcarbonat (Na₂CO₃, Waschsoda) verwechselt werden. Waschsoda ist deutlich aggressiver, als Gefahrstoff eingestuft und nicht für den Verzehr oder Hautkontakt geeignet. Der Unterschied ist auf der Verpackung an der chemischen Formel oder am Namen erkennbar: „Natron" oder „Natriumhydrogencarbonat" ist das richtige Produkt, „Soda" oder „Waschsoda" nicht [6].

Lagerung — Natriumhydrogencarbonat sollte trocken, kühl und verschlossen gelagert werden. Bei Temperaturen über 50 °C zersetzt es sich zu Natriumcarbonat (Waschsoda) — das ist bei der Lagerung unproblematisch, aber relevant wenn man es zum Waschen bei hohen Temperaturen verwendet [6].

Markenprodukte — Kaiser Natron und Bullrich-Salz sind die bekanntesten deutschen Markenprodukte und bestehen zu 100 % aus Natriumhydrogencarbonat in Lebensmittelqualität [7]. Günstigere Alternativen in gleicher Qualität sind in Drogerien und online erhältlich — entscheidend ist die Kennzeichnung als reines Natriumhydrogencarbonat (E 500ii) ohne Zusatzstoffe.

Überlieferte Dosierungen

Bei Sodbrennen — Die traditionelle Dosierung lag bei einem halben bis einem Teelöffel (ca. 2-5 g) Natriumhydrogencarbonat in einem Glas Wasser, bei Bedarf bis zu dreimal täglich. Bullrich empfahl sein Salz bei akuten Beschwerden als Einzeldosis [7]. Überliefert ist auch die Warnung, Natron nicht dauerhaft gegen Sodbrennen einzusetzen, da der Körper auf die schnelle Neutralisierung mit verstärkter Säureproduktion reagieren könne — der sogenannte Säure-Rebound [7].

Bei Erkältungen — In der Volksheilkunde des frühen 20. Jahrhunderts wurde ein halber Teelöffel Natron in warmem Wasser mehrmals täglich über 2-3 Tage empfohlen. Konkrete standardisierte Dosierungsprotokolle aus dieser Zeit sind nicht überliefert.

Im Sport — Die wissenschaftlich am besten dokumentierte Dosierung liegt bei 0,2-0,3 g pro Kilogramm Körpergewicht, eingenommen 60-180 Minuten vor der Belastung [5]. Für einen 80 kg schweren Athleten entspricht das 16-24 g — deutlich mehr als die traditionellen Dosierungen bei Magenbeschwerden.

Zur Zahnpflege — Es existieren keine standardisierten historischen Dosierungsangaben. Überliefert ist die Anwendung einer kleinen Menge (Messerspitze) auf der feuchten Zahnbürste, 1-2 Mal pro Woche.

Was sagt die Wissenschaft?

Die Forschungslage zu Natron ist ungewöhnlich breit — von der Sportmedizin über die Onkologie bis zur Immunologie.

Sportliche Leistung — Eine Umbrella Review von Grgic et al. (2021) im Journal of the International Society of Sports Nutrition fasste acht Meta-Analysen zusammen und kam zu dem Ergebnis, dass Natriumbicarbonat die Leistung bei Ausdauerbelastungen von 45 Sekunden bis 8 Minuten, muskuläre Ausdauer und hochintensives intermittierendes Laufen verbessert [5]. Die Effektstärken lagen für die meisten Outcomes im Bereich von 0,36 bis 0,40 — ein moderater, aber konsistenter Effekt. Für reine Maximalkraft wurde kein signifikanter Effekt gefunden [8]. Eine 2025 publizierte Meta-Analyse von Miller et al. relativierte die Befunde für Dauerläufe: Nach Bereinigung um Publikationsbias und Magen-Darm-bedingte Studienabbrüche war der Effekt auf Laufleistung vernachlässigbar, allerdings bei Männern deutlich ausgeprägter als bei Frauen [9].

Tumor-pH und Immunsystem — Robey et al. publizierten 2009 im Journal Cancer Research, dass oral verabreichtes Natriumbicarbonat bei Mäusen den pH-Wert von Tumoren anhob und die Bildung spontaner Metastasen signifikant reduzierte — ohne den systemischen pH-Wert zu verändern [4]. Eine Studie des Moffitt Cancer Center (Pilon-Thomas et al., 2016, Cancer Research) zeigte, dass Natriumbicarbonat in Kombination mit PD-1- oder CTLA-4-Hemmern das Melanom- und Pankreastumorwachstum bei Mäusen stärker reduzierte als die Immuntherapie allein [10]. Der Mechanismus: Das saure Tumormilieu unterdrückt T-Zellen. Natron neutralisiert diese Säure und ermöglicht den Immunzellen, wieder effektiv zu arbeiten. Eine Tierstudie aus dem Jahr 2020 bestätigte, dass Natriumbicarbonat im Trinkwasser die T-Zell-Funktion bei Leukämie-Mäusen verbesserte — ein Ergebnis, das in einer kleinen Pilotstudie mit 10 menschlichen Patienten ohne zusätzliche Nebenwirkungen repliziert werden konnte [11].

Wichtige Einordnung — Yang et al. betonten 2020 in Integrative Cancer Therapies, dass Natriumbicarbonat allein nur bei weniger aggressiven Krebszelllinien wirksam war. Bei aggressiveren Tumoren wie B16-Melanom oder Pankreaskarzinom starben die Versuchstiere trotz Natrongabe [12]. Die Autoren schlussfolgern: Natron ist kein eigenständiges Krebsmittel, sondern ein potenzielles Adjuvans — ein Hilfsstoff, der andere Therapien wirksamer machen könnte. Klinische Studien am Menschen stehen weitgehend aus.

Kombinationen und Wechselwirkungen

Natron + Zitronensaft — Eine der bekanntesten volksheilkundlichen Kombinationen. Natron in Wasser mit Zitronensaft erzeugt eine Sprudelreaktion (Kohlensäure) und galt als belebendes Verdauungsgetränk. Die Kombination wurde in der europäischen Volksmedizin des 19. und 20. Jahrhunderts bei Völlegefühl und Übelkeit eingesetzt.

Natron + schwach-basische Chemotherapeutika — In der Forschung zeigte sich, dass Natron die Wirksamkeit von Doxorubicin (einem schwach-basischen Chemotherapeutikum) verstärken kann, indem es den Tumor-pH anhebt und die Medikamentenaufnahme in die Zelle verbessert [4]. Umgekehrt gilt: Bei schwach-sauren Chemotherapeutika wie Chlorambucil kann Natron die Wirksamkeit reduzieren [12]. Diese Erkenntnis stammt aus präklinischen Studien, nicht aus der klinischen Praxis.

Natron + Essig — Im Haushalt eine bekannte Reinigungskombination. Als innerliche Anwendung ist diese Kombination nicht überliefert und macht chemisch wenig Sinn, da sich Natron und Essig gegenseitig neutralisieren.

Überlieferte Warnungen vor spezifischen Kombinationen mit Heilpflanzen oder anderen traditionellen Mitteln sind für Natron kaum dokumentiert.

Wichtig zu wissen

Säure-Rebound — Die schnelle Neutralisierung der Magensäure durch Natron kann dazu führen, dass der Magen mit verstärkter Säureproduktion reagiert. Deshalb raten auch historische Quellen von einer Daueranwendung bei Sodbrennen ab [7].

Natriumbelastung — Natriumhydrogencarbonat enthält Natrium. Bei hohen oder dauerhaften Dosierungen kann es zu Hypernatriämie (erhöhtem Natriumspiegel) und Wassereinlagerungen kommen. Menschen mit Bluthochdruck, Herz- oder Nierenerkrankungen sollten besonders vorsichtig sein.

Magen-Darm-Beschwerden im Sport — In der Sportforschung berichten Teilnehmer regelmäßig über Übelkeit, Magenschmerzen, Durchfall und Erbrechen nach der Einnahme hoher Dosen [5][9]. Die Verträglichkeit variiert individuell stark.

Verwechslungsgefahr — Natriumhydrogencarbonat (NaHCO₃, Natron) darf nicht mit Natriumcarbonat (Na₂CO₃, Waschsoda) verwechselt werden. Waschsoda ist deutlich aggressiver, als Gefahrstoff eingestuft und nicht für den Verzehr geeignet [6]. Ebenso ist reines Natron nicht identisch mit Backpulver, das zusätzlich Säuerungsmittel und Trennmittel enthält.

Kinder und Schwangere — Für die innere Anwendung bei Kindern und Schwangeren liegen keine gesicherten historischen oder modernen Dosierungsempfehlungen vor. In diesen Fällen ist besondere Vorsicht geboten.

Wechselwirkungen — Natron kann die Aufnahme bestimmter Medikamente beeinflussen, da es den pH-Wert im Magen verändert. Wer regelmäßig Medikamente einnimmt, sollte vor einer Anwendung ärztlichen Rat einholen.

⚠️ Dieser Artikel dokumentiert historisches Wissen und überlieferte Anwendungen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers.

Quellen

[1] Natriumhydrogencarbonat. In: Wikipedia (deutsch). Abgerufen 2026.[2] Dennig H, Talbott JH, Edwards HT, Dill DB. Effect of acidosis and alkalosis upon capacity for work. Journal of Clinical Investigation, 1931; 9(4): 601-613.[3] Natriumbicarbonat — Health Benefits, Uses, Side Effects, Dosage. Zusammenfassung historischer Quellen und WHO Essential Medicines List.[4] Robey IF, Baggett BK, Kirkpatrick ND, et al. Bicarbonate increases tumor pH and inhibits spontaneous metastases. Cancer Research, 2009; 69(6): 2260-2268.[5] Grgic J, Grgic I, Del Coso J, Schoenfeld BJ, Pedisic Z. Effects of sodium bicarbonate supplementation on exercise performance: an umbrella review. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 2021; 18(1): 71.[6] Natriumhydrogencarbonat. In: Wikipedia (deutsch). Abschnitte Anwendung, Geschichte, Qualitätsstufen.[7] Helmstädter A. Antacida „wider den Sodt". Deutsches Ärzteblatt, Medizingeschichte.[8] Grgic J, Rodriguez RF, Garofolini A, et al. Effects of Sodium Bicarbonate Supplementation on Muscular Strength and Endurance: A Systematic Review and Meta-analysis. Sports Medicine, 2020; 50(7): 1361-1375.[9] Miller LE, Bhattacharyya R, Katz SJ, et al. Negligible benefit of oral single-dose sodium bicarbonate on continuous running performance. Journal of the International Society of Sports Nutrition, 2025; 22(1): 2538606.[10] Pilon-Thomas S, et al. Neutralization of tumor acidity improves antitumor responses to immunotherapy. Cancer Research, 2016; 76(6): 1381-1390.[11] Wu H, Estrella V, Beatty M, et al. T-cells produce acidic niches in lymph nodes to suppress their own effector functions. Nature Communications, 2020; 11: 4113.[12] Yang M, Zhong X, Yuan Y. Does Baking Soda Function as a Magic Bullet for Patients With Cancer? A Mini Review. Integrative Cancer Therapies, 2020; 19: 1534735420922579.