Schröpfen — Die 5.000 Jahre alte Therapie, die bei den Olympischen Spielen zurückkam

Als Michael Phelps bei den Olympischen Spielen 2016 in Rio mit kreisrunden violetten Flecken auf den Schultern ins Becken stieg, fragten sich Millionen Zuschauer, was das sei. Die Antwort: eine Therapie, die mesopotamische Ärzte vor über 5.000 Jahren erfanden, die Hippokrates zur Ausleitung von Krankheitsstoffen empfahl, und die in der islamischen Medizin als Hidschama bis heute praktiziert wird. In Europa war sie fast vergessen.

Wird traditionell eingesetzt bei:

Rückenschmerzen, Verspannungen, Nackenschmerzen, Muskelverhärtungen, Kopfschmerzen, Migräne, Knieschmerzen, Gelenkschmerzen, Durchblutungsstörungen, Faszienverklebungen, Muskelkater, Regeneration Sport, Erkältung, Cellulite, Stress

Schröpfen (lateinisch ventosatio, englisch Cupping) ist ein therapeutisches Verfahren, bei dem mit Schröpfköpfen auf einem begrenzten Hautareal ein Unterdruck erzeugt wird, um die Durchblutung zu fördern, Verspannungen zu lösen und — je nach Tradition — Krankheitsstoffe auszuleiten. Es gehört zu den ältesten dokumentierten Therapiemethoden der Menschheit: Das früheste archäologische Zeugnis ist ein mesopotamisches Arztsiegel aus der Zeit um 3300 v. Chr. [1]. Hippokrates empfahl das Verfahren zur Ausleitung von Krankheitsstoffen, in der chinesischen Medizin (Baguanfa, 拔罐法) galt es als Mittel gegen Stagnation von Blut und Qi, und in der islamischen Welt ist es als Hidschama bis heute fester Bestandteil der prophetischen Medizin [2][3]. Mit der Verdrängung der Humoralpathologie im 19. Jahrhundert geriet das Schröpfen in Europa fast vollständig in Vergessenheit — bis Olympiasieger Michael Phelps 2016 in Rio mit den charakteristischen kreisrunden Hämatomen auf den Schultern eine weltweite Wiederentdeckung auslöste.

Die Forschungslage wächst. Eine systematische Review und Meta-Analyse von Zhang et al. (2024, Complementary Therapies in Medicine) mit 921 Teilnehmern fand Evidenz von hoher bis moderater Qualität, dass Schröpfen Schmerzen und Beeinträchtigungen bei Rückenbeschwerden signifikant verbessert [4]. Die japanische Bezeichnung Kyūkakuhō (吸角法) und die moderne Variante als Schröpfkopfmassage oder Vakuumtherapie zeigen, wie breit sich das Verfahren über Kulturen und Epochen erstreckt. Trotzdem kennen die meisten Europäer Schröpfen heute bestenfalls als „das mit den runden Flecken" — wenn überhaupt.

Die Geschichte

Mesopotamien, ca. 3300 v. Chr. — Das älteste bekannte Zeugnis für die ärztliche Verwendung des Schröpfens stammt von einem Arztsiegel aus der Zeit um 3300 v. Chr. [1]. Die genaue Anwendung lässt sich nicht rekonstruieren, aber die Existenz des Siegels belegt, dass Schröpfen bereits zu dieser Zeit als ärztliche Praxis galt. In Mesopotamien wurden hohle Tierhörner als erste Schröpfköpfe verwendet — der Unterdruck entstand durch Ansaugen mit dem Mund.

Ägypten, ca. 1550 v. Chr. — Der Papyrus Ebers, eines der ältesten erhaltenen medizinischen Dokumente, enthält Hinweise auf das Schröpfen als therapeutisches Verfahren [1]. Ägyptische Ärzte setzten es ein, um „schlechtes Blut" aus dem Körper zu entfernen und Schmerzen zu lindern. Die Ägypter verwendeten bereits Gefäße aus Ton und Glas statt Tierhörnern.

Griechenland, ca. 400 v. Chr. — Hippokrates (460–370 v. Chr.) empfahl das Schröpfen zur lokalen Ausleitung von Krankheitsstoffen und zur Ableitung dieser Stoffe von entfernten Organen [2]. Die theoretische Grundlage war die Humoralpathologie — die Lehre von den vier Körpersäften (Blut, Schleim, gelbe und schwarze Galle). Ein Ungleichgewicht dieser Säfte galt als Ursache von Krankheit, und das Schröpfen sollte im Sinne einer minutio sanguinis (Verminderung der Blutmenge) das Gleichgewicht wiederherstellen [2].

China, ab ca. 300 n. Chr. — Der taoistische Alchemist Ge Hong (281–341 n. Chr.) beschrieb das Schröpfen in seinen medizinischen Texten [3]. In der chinesischen Medizin (Baguanfa) galt eine Stagnation von Blut und Qi als Ursache von Beschwerden. Schröpfköpfe wurden auf Akupunkturpunkte gesetzt, um den Energiefluss wiederherzustellen. Während in Europa Glas bevorzugt wurde, verwendeten chinesische Therapeuten lange Zeit Bambusrohre.

Islamische Welt, 10.–11. Jahrhundert — Avicenna (Ibn Sina) empfahl in seiner Enzyklopädie Al-Qanun fi't-Tibb das Schröpfen bei Vollmond, da der Mond feuchte Bereiche anziehe [2]. In der islamischen Medizin etablierte sich das blutige Schröpfen unter dem Namen Hidschama als fester Bestandteil der prophetischen Medizin — ein Status, den es bis heute hat. Der Prophet Mohammed soll gesagt haben: „Die beste Behandlung ist die Hidschama." Diese religiöse Verankerung ist ein Grund, warum Schröpfen in der islamischen Welt nie vergessen wurde.

Europa, Mittelalter bis 19. Jahrhundert — Hildegard von Bingen (1098–1179) praktizierte das Schröpfen als Teil ihrer Klostermedizin [1]. Im Mittelalter und der frühen Neuzeit waren Bader — eine Art Friseur-Arzt-Hybrid — die wichtigsten Praktiker des Schröpfens. Ab dem 14. Jahrhundert wurden in Persien und Europa sogenannte Schröpfstellentexte verfasst, die die genauen Positionen der Schröpfgläser dokumentierten [2]. Der Londoner Neurologe Henry Head (1861–1940) kartierte später die nach ihm benannten Head'schen Zonen — Hautareale, die über Nervenverbindungen mit inneren Organen korrespondieren [1].

Der Bruch, 19. Jahrhundert — Mit dem Aufstieg der modernen Pharmakologie und der Ablösung der Humoralpathologie durch die Zellularpathologie (Rudolf Virchow, 1858) verlor das theoretische Fundament des Schröpfens seine Gültigkeit [2]. Die Methode wurde als „vorwissenschaftlich" eingestuft und aus dem Kanon der Schulmedizin gestrichen. In der TCM und der islamischen Medizin überlebte sie — in der europäischen Medizin geriet sie für über ein Jahrhundert in Vergessenheit.

Die Rückkehr, 2016 — Bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro trat der US-Schwimmer Michael Phelps mit deutlich sichtbaren kreisrunden Hämatomen auf Schultern und Rücken an. Die Bilder gingen um die Welt und lösten eine Renaissance des Interesses am Schröpfen aus [5]. Seitdem wächst die Forschung, und moderne Silikon-Cups haben das Feuerschröpfen mit Glasglocken in der Selbstanwendung weitgehend abgelöst.

Wofür wurde es eingesetzt?

Rückenschmerzen und Muskelverspannungen — Die am breitesten überlieferte Anwendung, quer durch alle Kulturen. In der europäischen Tradition schröpften Bader im Bereich von Myogelosen (tastbaren Muskelverhärtungen), in der TCM setzte man die Gläser auf spezifische Akupunkturpunkte am Rücken [2][3]. Eine Meta-Analyse von Zhang et al. (2024) bestätigte signifikante Schmerzreduktion bei Rückenbeschwerden über 2-8 Wochen Behandlungsdauer [4].

Kopfschmerzen und Migräne — In der islamischen Medizin wurde Hidschama gezielt am Nacken und an den Schläfen bei Kopfschmerzen eingesetzt [3]. Die Humoralmedizin erklärte dies mit der Ableitung überschüssiger Säfte aus dem Kopfbereich.

Erkältungen und Atemwegserkrankungen — In der europäischen Volksmedizin und in der TCM galt Schröpfen am oberen Rücken als Mittel gegen Erkältungen, Bronchitis und verschleimte Atemwege [2][3]. Die Vorstellung: Der Unterdruck löse Stauungen und fördere die Durchblutung der darunterliegenden Organe.

Gelenkschmerzen und Arthrose — In der TCM und der islamischen Medizin wurde Schröpfen bei Knie- und Gelenkschmerzen eingesetzt. Kleine randomisierte Studien zeigten, dass pulsierendes Schröpfen bei Kniegelenksarthrose nach einigen Wochen Schmerzen lindern und die Lebensqualität steigern konnte [5].

Regeneration im Sport — Die jüngste Anwendung. Seit Phelps' öffentlichem Bekenntnis zum Cupping nutzen Leistungssportler Schröpfmassagen gezielt zur Regeneration nach intensivem Training, zur Lösung von Faszienverklebungen und zur Linderung von Muskelkater [5]. Moderne Silikon-Cups werden über die Muskulatur gezogen statt statisch aufgesetzt — eine Kombination aus Schröpfen und Massage.

Hautprobleme und Cellulite — In der kosmetischen Anwendung (Facial Cupping) werden kleine Silikon-Cups über das Gesicht oder die Oberschenkel gezogen, um die Durchblutung zu steigern und das Gewebe zu straffen [5]. Diese Anwendung hat keinen historischen Vorläufer und ist eine moderne Adaption des Prinzips.

Wie wurde es angewendet?

Trockenes Schröpfen (unblutig) — Die heute verbreitetste Form. Schröpfgläser oder Silikon-Cups wurden auf unversehrte Haut gesetzt und ein Unterdruck erzeugt — entweder durch Erhitzen der Luft im Glas (Feuerschröpfen) oder durch mechanisches Absaugen mit einer Pumpe. Die Haut und das darunterliegende Gewebe wurden in den Schröpfkopf hineingezogen, was die Durchblutung steigerte und lokal ein Extravasat (Bluterguss) erzeugte [2]. Die Schröpfköpfe blieben typischerweise 5-15 Minuten auf der Haut. Trockenes Schröpfen galt vor allem bei chronischen Beschwerden als geeignet.

Blutiges Schröpfen (Hidschama) — Die ältere, invasivere Form. Vor dem Aufsetzen der Schröpfgläser ritzte der Therapeut die Haut mit einer Blutlanzette an. Durch den Unterdruck trat Blut verstärkt aus, was im Sinne der Humoralpathologie als „Entschlackung" und „Ausleitung verdorbener Säfte" galt [2][3]. Diese Methode war in der antiken und mittelalterlichen Medizin Standard und ist in der islamischen Hidschama bis heute verbreitet. Blutiges Schröpfen wurde vor allem bei akuten Schmerzen eingesetzt.

Schröpfkopfmassage (Sliding Cupping) — Eine Kombination aus Schröpfen und Massage. Die Haut wurde eingeölt, ein Schröpfkopf aufgesetzt, und dieser dann über die Haut bewegt statt statisch stehen gelassen. Diese Technik stimulierte Faszien und Muskelgewebe großflächig und galt als besonders wirksam bei Verspannungen und Faszienverklebungen [5]. In der modernen Selbstanwendung werden hierfür Silikon-Cups verwendet.

Feuerschröpfen (traditionell) — Die klassische Methode: Ein in Alkohol getauchter Wattebausch wurde angezündet und kurz in das Glasgefäß gehalten. Durch die Erhitzung dehnte sich die Luft aus. Sofort nach dem Entfernen der Flamme wurde das Glas auf die Haut gesetzt. Beim Abkühlen zog sich die Luft zusammen und erzeugte den Unterdruck [2]. Diese Methode erforderte Erfahrung und wurde von professionellen Therapeuten durchgeführt — Verbrennungsgefahr bestand bei falscher Anwendung.

Überlieferte Zubereitungen zum Nachmachen

Die folgenden Techniken sind historisch überliefert und werden hier als Dokumentation wiedergegeben, nicht als Anwendungsempfehlung. Blutiges Schröpfen und Feuerschröpfen erfordern professionelle Anleitung und werden hier bewusst nicht als Selbstanwendung beschrieben.

Überlieferte Schröpfmassage mit Silikon-Cups (Nacken/Schulter)In der modernen Adaption des traditionellen Schröpfens wurde die betroffene Hautpartie zunächst mit einem Pflanzenöl (z.B. Mandelöl oder Olivenöl) eingerieben, damit der Cup gleiten konnte. Ein mittelgroßer Silikon-Cup wurde mit den Fingern zusammengedrückt und fest auf die Haut gedrückt. Beim Loslassen saugte sich der Cup fest und zog das Gewebe nach oben. Der Cup wurde dann langsam in geraden oder zickzackförmigen Bahnen über die verspannte Muskulatur gezogen — am Nacken von unten nach oben, an den Schultern von innen nach außen [5]. Ein Durchgang dauerte traditionell 5-10 Minuten pro Seite. Die entstehenden Rötungen und leichten Hämatome galten als normal und klangen in der Regel nach 3-7 Tagen ab. Wichtig: Bei starken Schmerzen wurde die Anwendung abgebrochen.

Überliefertes statisches Trockenschröpfen (Rücken)In der traditionellen Praxis wurde der Rücken zunächst nach Myogelosen — tastbaren Verhärtungen in der Muskulatur — abgetastet. Auf diese Stellen wurden Schröpfgläser oder Silikon-Cups aufgesetzt. Der Unterdruck wurde so dosiert, dass ein deutliches Ziehen, aber kein Schmerz entstand. Die Cups blieben 5-15 Minuten auf der Haut sitzen. Pro Sitzung wurden typischerweise 4-8 Cups gleichzeitig gesetzt [2]. In der TCM orientierte man sich dabei an spezifischen Akupunkturpunkten, in der europäischen Tradition an den tastbaren Verhärtungen und den Head'schen Zonen.

Überlieferte Faszien-Mobilisation (Beine/Waden)In der sportorientierten Cupping-Praxis wurde ein kleiner Silikon-Cup auf die Außenseite des Unterschenkels unterhalb des Außenknöchels gesetzt und in gleitenden Bewegungen (Sliding) bis kurz unterhalb des Knies gezogen. Diese Technik wurde 10-20 Mal wiederholt [5]. An der Fußsohle wurde der Cup von der Ferse zur Zehenbasis geführt, ebenfalls in wiederholten Bahnen. Die Methode galt als Ergänzung zum Faszientraining und wurde insbesondere bei Plantarfasziitis (Fersenschmerz) und Wadenverspannungen eingesetzt.

Qualität und Auswahl

Die Wahl des richtigen Schröpfinstruments beeinflusst Wirkung, Sicherheit und Handhabung erheblich.

Silikon-Cups vs. Glasschröpfköpfe — Für die Selbstanwendung zu Hause sind Silikon-Cups die sicherere und praktischere Wahl. Sie erzeugen den Unterdruck durch mechanisches Zusammendrücken, benötigen kein Feuer und kein Zubehör, und das Verletzungsrisiko ist minimal. Glasschröpfköpfe mit Saugball oder Vakuumpumpe bieten einen stärkeren, besser dosierbaren Unterdruck, erfordern aber mehr Erfahrung. Klassische Feuerschröpfgläser gehören ausschließlich in die Hände ausgebildeter Therapeuten.

Größen — Cups gibt es in verschiedenen Größen, und die Wahl ist relevant. Große Cups (Durchmesser ca. 6-7 cm) eignen sich für den Rücken und die Beine, wo große Muskelflächen behandelt werden. Mittlere Cups (ca. 4-5 cm) passen auf Nacken und Schultern. Kleine Cups (ca. 2-3 cm) sind für Gesicht, Hände und empfindliche Stellen gedacht [5]. Ein größerer Cup erzeugt mehr Unterdruck — für Einsteiger empfiehlt die überlieferte Praxis, mit mittleren Cups und moderatem Druck zu beginnen.

Material — Medizinisches Silikon ist der Standard für Selbstanwendungs-Cups. Es ist biokompatibel, leicht zu reinigen und langlebig. Billige No-Name-Cups aus minderwertigem Silikon können chemisch riechen und Hautreizungen verursachen. Glas-Schröpfköpfe sollten aus dickwandigem, hitzebeständigem Glas bestehen, wenn sie für Feuerschröpfen gedacht sind.

Sets vs. Einzelkauf — Die meisten Anbieter verkaufen Schröpf-Sets mit verschiedenen Größen (typischerweise 4-12 Cups). Für den Einstieg in die Selbstanwendung reichen 4 Cups in unterschiedlichen Größen. Für professionelle Anwendung werden Sets mit 12-24 Glas-Schröpfköpfen und Vakuumpumpe verwendet.

Hygiene — Silikon-Cups wurden traditionell nach jeder Anwendung mit warmem Wasser und Seife gereinigt. Glas-Schröpfköpfe konnten zusätzlich ausgekocht oder mit Alkohol desinfiziert werden. Bei blutigem Schröpfen galten strenge Hygienestandards — diese Methode gehört ausschließlich in professionelle Hände.

Überlieferte Dosierungen

Beim Schröpfen bezieht sich „Dosierung" nicht auf Mengenangaben, sondern auf Dauer, Häufigkeit und Intensität der Anwendung.

Dauer pro Sitzung — In der traditionellen Praxis blieben statische Schröpfköpfe 5-15 Minuten auf der Haut. Schröpfmassagen (Sliding Cupping) dauerten typischerweise 5-10 Minuten pro behandelter Region [2][5].

Häufigkeit — Die überlieferte Frequenz variierte je nach Tradition. In der TCM waren 2-3 Sitzungen pro Woche über mehrere Wochen üblich. In der islamischen Hidschama wurde das blutige Schröpfen traditionell einmal monatlich praktiziert, bevorzugt an bestimmten Tagen des Mondkalenders [3]. Avicenna empfahl das Schröpfen bei Vollmond [2]. In der modernen Sportpraxis wird Cupping nach Bedarf eingesetzt — häufig nach intensiven Trainingseinheiten.

Intensität — Die Grundregel in allen Traditionen lautete: Der Unterdruck sollte ein deutliches Ziehen erzeugen, aber keinen Schmerz. Bei der Selbstanwendung mit Silikon-Cups wurde die Intensität über den Grad des Zusammendrückens gesteuert [5].

Behandlungszeitraum — Randomisierte Studien zeigten signifikante Schmerzreduktion nach 2-8 Wochen regelmäßiger Behandlung mit typischerweise zwei Sitzungen pro Woche [4].

Was sagt die Wissenschaft?

Rückenschmerzen — Zhang et al. publizierten 2024 in Complementary Therapies in Medicine eine systematische Review und Meta-Analyse mit 11 randomisierten kontrollierten Studien und 921 Teilnehmern. Ergebnis: Evidenz von hoher Qualität zeigte, dass Schröpfen die Schmerzintensität bei Rückenbeschwerden über 2-8 Wochen signifikant verbesserte (Effektstärke d=1,09) [4]. Schröpfen war Medikamenten und üblicher Behandlung überlegen. Allerdings: Der Langzeiteffekt nach 3-6 Monaten war nicht mehr signifikant.

Chronische Schmerzen allgemein — Eine umfassende Meta-Analyse mit 72 Studien und 5.720 Teilnehmern (publiziert 2025 in Medicine) fand, dass Schröpfen allein oder in Kombination mit anderen Therapien die Schmerzintensität, Lebensqualität und Schlafqualität verbesserte — allerdings bei durchweg niedriger Evidenzqualität [6]. Cramer et al. (2020, The Journal of Pain) fanden große kurzfristige Effekte auf Schmerzintensität verglichen mit keiner Behandlung (SMD = -1,03), aber keine signifikanten Effekte verglichen mit Schein-Schröpfen (SMD = -0,27) [7]. Das deutet darauf hin, dass ein Teil der Wirkung auf Placebo-Effekte zurückgehen könnte.

Muskuloskelettale Schmerzen — Jia et al. (2025, BMJ Open) bestätigten in einer Meta-Analyse eine signifikante Reduktion der Schmerzintensität bei chronischen muskuloskelettalen Beschwerden (SMD = -1,23), wobei blutiges Schröpfen einen stärkeren Trend zeigte als trockenes [8]. Für funktionelle Beeinträchtigung und psychische Gesundheit waren die Effekte nicht signifikant.

Vermuteter Wirkmechanismus — Moderne Erklärungsmodelle gehen davon aus, dass der Unterdruck die lokale Durchblutung steigert, die Faszien mechanisch verschiebt und dehnt, und über den kutiviszeralen Reflex — die postulierte Umkehr des nachgewiesenen viszerokutanen Reflexes — innere Organe beeinflusst [2]. Die Zuordnung der Organe zu Hautstellen über die Head'schen Zonen ist neurologisch nachgewiesen. Neuere Forschung vermutet zusätzlich eine Freisetzung von Hämorphinen (körpereigenen schmerzlindernden Peptiden) und eine Modulation des lokalen Immunsystems [6].

Wichtige Einordnung — Die Evidenz ist vielversprechend, aber methodisch begrenzt. Fast alle Studien haben ein hohes Verzerrungsrisiko, vor allem weil eine echte Verblindung beim Schröpfen kaum möglich ist — der Patient spürt den Unterdruck. Studien mit Schein-Schröpfen als Kontrolle zeigen deutlich kleinere Effekte als Studien ohne Kontrollgruppe [7].

Kombinationen und Wechselwirkungen

Schröpfen + Akupunktur — In der TCM wurden Schröpfgläser häufig auf Akupunkturpunkte gesetzt, entweder als Ergänzung zur Nadelakupunktur oder als eigenständige Methode. Die Kombination galt als besonders wirksam, weil sie sowohl die Haut-Muskel-Ebene als auch die energetische Ebene (Qi-Fluss) adressierte [3]. Die Meta-Analyse von Zhang et al. (2024) fand, dass Schröpfen auf Akupunkturpunkten eine signifikant stärkere Schmerzreduktion zeigte als Schröpfen im unteren Rückenbereich allgemein [4].

Schröpfen + Massage — Die Schröpfkopfmassage (Sliding Cupping) ist selbst eine Kombination beider Techniken. Darüber hinaus wurde in der traditionellen Praxis häufig vor dem Schröpfen eine manuelle Massage durchgeführt, um das Gewebe aufzuwärmen und die Durchblutung vorzubereiten [5].

Schröpfen + Aderlass — In der europäischen Humoralmedizin wurden Schröpfen und Aderlass häufig gemeinsam eingesetzt. Der Aderlass entzog dem Körper Blut systemisch, das Schröpfen lokal. Beide Methoden dienten der minutio sanguinis — der Verminderung der Blutmenge zur Wiederherstellung des Säftegleichgewichts [2].

Schröpfen + Öle und Salben — Für die Schröpfkopfmassage wurde die Haut stets eingeölt. In der Klostermedizin wurden dabei gezielt Kräuteröle verwendet — etwa Johanniskrautöl bei Nervenschmerzen oder Arnikaöl bei Prellungen.

Wichtig zu wissen

Hämatome sind beabsichtigt, nicht gefährlich — Die kreisrunden blauen Flecken nach dem Schröpfen sind keine Verletzung, sondern ein beabsichtigter Effekt: Der Unterdruck lässt rote Blutkörperchen aus den Kapillaren in das umliegende Gewebe austreten (Extravasat). In der traditionellen Medizin galt die Stärke der Verfärbung als diagnostisches Zeichen — eine sehr dunkle Verfärbung deutete auf eine starke „Stagnation" hin [2][3]. Die Hämatome klingen in der Regel innerhalb von 3-10 Tagen ab.

Verbrennungsgefahr beim Feuerschröpfen — Das klassische Feuerschröpfen mit erhitzten Glasglocken birgt Verbrennungsgefahr bei unsachgemäßer Anwendung. Diese Methode gehört in die Hände ausgebildeter Therapeuten und ist keine Selbstanwendung.

Blutiges Schröpfen nur professionell — Die Hidschama und andere Formen des blutigen Schröpfens erfordern sterile Instrumente, korrekte Technik und Hygienebewusstsein. Bei falscher Anwendung besteht Infektionsgefahr. In Deutschland darf blutiges Schröpfen nur von Ärzten oder Heilpraktikern durchgeführt werden, da es einen invasiven Eingriff darstellt.

Kontraindikationen — Schröpfen war und ist nicht für alle geeignet. Traditionelle und moderne Quellen nennen folgende Ausschlusskriterien: Hautinfektionen, offene Wunden, Sonnenbrand oder Verbrennungen an der Behandlungsstelle; Blutgerinnungsstörungen oder Einnahme blutverdünnender Medikamente; Schwangerschaft (insbesondere Bauch und unterer Rücken); Tumore an der Behandlungsstelle; ausgeprägte Krampfadern [2][5].

Kinder — Für die Anwendung bei Kindern liegen keine ausreichenden historischen oder modernen Leitlinien vor.

⚠️ Dieser Artikel dokumentiert historisches Wissen und überlieferte Anwendungen. Er stellt keine medizinische Beratung dar und ersetzt nicht die Konsultation eines Arztes oder Heilpraktikers.

Quellen

[1] Archäologische und historische Belege zum Schröpfen. Arztsiegel aus Mesopotamien, ca. 3300 v. Chr.; Papyrus Ebers, ca. 1550 v. Chr. Referenziert bei sanasearch.ch, fitreisen.de, Wikipedia (Schröpfen).[2] Schröpfen. In: Wikipedia (deutsch). Abschnitte Geschichte, Verfahren, Humoralpathologie, Head'sche Zonen.[3] Schröpfen in der TCM und islamischen Medizin. Chirali IZ. Schröpftherapie in der Chinesischen Medizin. Urban & Fischer, 2002. Referenzen zur Hidschama bei FITBOOK und fitreisen.de.[4] Zhang Z, Pasapula M, Wang Z, Edwards K, Norrish A. The effectiveness of cupping therapy on low back pain: A systematic review and meta-analysis of randomized control trials. Complementary Therapies in Medicine, 2024; 80: 103013.[5] Moderne Cupping-Praxis und Sportanwendung. Referenziert bei FITBOOK, Apotheke Adhoc, Kübler Sport Magazin, Quintessence Publishing (Cupping-Lehrbuch).[6] Systematic review and meta-analysis: Update evidence of effectiveness on pain relieving of cupping therapy (72 trials, 5720 participants). Medicine, 2025.[7] Cramer H, et al. Cupping for Patients With Chronic Pain: A Systematic Review and Meta-Analysis. The Journal of Pain, 2020; 21(9-10): 943-956.[8] Jia Y, Dong X, Chai Y, et al. Effects of cupping therapy on chronic musculoskeletal pain and collateral problems: a systematic review and meta-analysis. BMJ Open, 2025; 15(5): e087340.